Alter bedeutet nicht mehr automatisch Abbau
Die Altenpflege boomt: Noch nie gab es so viele Einrichtungen und Pflegekräfte. Das wirkt zunächst positiv, denn Pflege hilft im Alltag – etwa beim Ankleiden, Waschen oder Essen. Doch genau hier liegt laut Lutz Karnauchow, Inhaber des rehabilitationsorientierten Pflegeanbieters Domino World, das Problem: Wer Menschen Aufgaben abnimmt, die sie noch selbst bewältigen könnten, schwächt sie und fördert Abhängigkeit. Dabei wünschen sich die meisten, bis ins hohe Alter selbstständig zu bleiben.
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Die Forschung der letzten Jahrzehnte bestätigt diesen Befund. Sie zeigt, wie stark unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten von der täglichen Nutzung abhängen – und wie schnell sie verloren gehen, wenn sie nicht mehr gefordert werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Sarkopenie. In der fürsorglichen Pflegepraxis spielt Training jedoch in der Regel keine zentrale Rolle.
Pflege will helfen, doch sie richtet mitunter Schaden an, wenn sie zu viel abnimmt und zu wenig fordert. Pflegewissenschaftler bringen diese paradoxe Situation auf den Punkt: In Deutschland pflegen wir Menschen in die Betten hinein.
Dabei hat sich unser Verständnis von Alter, Gesundheit und Leistungsfähigkeit deutlich erweitert. Es wächst das Bewusstsein in der Gesellschaft dafür, dass Gesundheit und Selbstständigkeit im Alter gestaltbar sind. Mit Blick auf die Pflegepraxis sind drei aufeinander aufbauenden Erkenntnisse besonders relevant:
1. Für Fähigkeiten gilt das Prinzip "Use it or lose it"
Die funktionalen Fähigkeiten eines Menschen bleiben nur erhalten, wenn sie genutzt werden. Wird eine Fähigkeit nicht gebraucht, baut der Körper sie ab. Bereits nach wenigen Tagen der Inaktivität schrumpft die Muskelmasse messbar. Kognitive Fähigkeiten nehmen ab, wenn Reize und Lernimpulse fehlen.
2. Lernen und Wachstum sind lebenslang möglich
Das Gehirn ist bis ins hohe Alter plastisch. Das heißt, dass neue synaptische Verbindungen entstehen und bestehende Netzwerke sich reorganisieren können. Unter bestimmten Bedingungen ist auch das Wachstum neuer Nervenzellen, die sogenannte Neurogenese, möglich. Auch Muskelzellen reagieren auf Belastung unabhängig vom Lebensalter. Ob man 30 oder 80 Jahre alt ist, spielt für die einzelne Muskelzelle keine Rolle. Sie "weiß" nicht, wie alt der Körper ist, in dem sie sich befindet.
3. Alter bedeutet nicht automatisch Abbau
Zwar nehmen bestimmte Risiken mit dem Alter zu, doch viele Einschränkungen, die wir als altersbedingt betrachten, sind in Wirklichkeit die Folge von Inaktivität. Zahlreiche Studien zeigen die negativen Folgen von Bewegungsmangel. Unter anderem beschleunigt er die Sarkopenie, den altersbedingten Verlust von Muskelmasse und -kraft. Aber dieser Muskelabbau ist in hohem Maße durch Bewegung und Kraft-Training beeinflussbar.
Diese Forschungsergebnisse legen nahe, dass Pflege nicht nur helfen, sondern auch schaden kann, wenn sie dauerhaft Fähigkeiten ersetzt, statt sie zu fördern. Es lassen sich drei Konsequenzen ableiten:
Selbstständigkeit geht vor
Eine zu starke Fremdübernahme von Tätigkeiten pflegebedürftiger Menschen schadet mehr, als dass sie nützt. Es gilt daher, den betroffenen Menschen ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit zu gewährleisten.
Rehabilitation kennt kein Alter
Rehabilitation sollte nicht auf bestimmte Altersgruppen oder Pflegegrade beschränkt sein. Je früher sie beginnt, desto größer sind die erzielbaren Effekte, körperlich wie kognitiv. Pflege und Rehabilitation müssen zusammengedacht werden.
Pflegezeit ist gestaltbar
Die Ausgestaltung der Pflegezeit ist das Ergebnis von Entscheidungen: Welche Tätigkeiten übernehmen wir? Welche begleiten wir nur? Welche fördern wir gezielt? Dieser Perspektivenwechsel ist anspruchsvoll. Er erfordert fachliche Kompetenz, kommunikative Klarheit und die Bereitschaft, auch unbequeme Gespräche mit Bewohnern und Angehörigen zu führen.
Anregungen für die Umsetzung in der Praxis
Ein möglicher Ansatz besteht darin, systematisch zu analysieren, welche Versorgungsleistungen tatsächlich erbracht werden und welche davon verzichtbar oder reduzierbar sind. Das ist nicht nur fachlich sinnvoll, sondern auch ökonomisch relevant. Und die Selbstständigkeit der Bewohner wird wieder gesteigert. Sie erleben, dass sie zu Tätigkeiten fähig sind, die ihnen zuvor noch unmöglich erschienen. Sei es ein Spaziergang durch den Park oder eine Fahrt mit dem Bus zum Cafébesuch.
Fazit: Pflege braucht Mut zur Veränderung
Das traditionelle Pflegeverständnis ist überholt. Eine Pflege, die sich allein an Fürsorge und Versorgung orientiert, verfehlt die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen. Was es nun braucht, ist ein mutiger Perspektivenwechsel. Weg von der fürsorglichen Abnahme von Tätigkeiten, hin zur gezielten Befähigung der Betroffenen. Praxiserprobte Ansätze hierfür gibt es mittlerweile. Genannt sei hier das Pflegemodell "SGB Reha“, das die AOK Rheinland/Hamburg in zwölf Einrichtungen der stationären Pflege im Ruhrgebiet testet. Ein weiteres Beispiel ist das Pflegekonzept Domino-Coaching in Berlin, das vom Autor mitverantwortet wird.
Lutz Karnauchow gründet das Pflegeunternehmen Domino World 1982 in Berlin nach dem Psychologiestudium. Parallel führt er jahrelang eine eigene Praxis für systemische Familientherapie und Gesprächspsychotherapie. Seit 2020 ist er Vorstand der gemeinnützigen Domino Coaching Stiftung, deren Anliegen es ist, die Potenziale pflegebedürftiger Menschen mit täglichem Training zu fördern.