Auslöser der Regierungsantwort ist eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion zu den Folgen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes. Das Gesetz begrenzt Vergütungssteigerungen unter anderem in der häuslichen Krankenpflege und außerklinischen Intensivpflege grundsätzlich auf die Entwicklung der Grundlohnrate. Von 2027 bis 2029 wird diese Obergrenze zusätzlich um einen Prozentpunkt abgesenkt. Tarifsteigerungen oberhalb dieser Grenze werden bei tarifgebundenen Leistungserbringern nur teilweise und befristet berücksichtigt.
Die AfD greift in ihrer Anfrage Warnungen mehrerer Pflege- und Wohlfahrtsverbände auf. So befürchtet der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) eine Verschärfung des Personalmangels. Diakonie und Paritätischer warnen unter anderem vor Finanzierungslücken und möglichen Einschränkungen des Versorgungsangebots.
Bund erwartet sieben Prozent mehr Beschäftigte
Die Antwort der Bundesregierung klingt zunächst beruhigend. Der Bedarf an ambulanten Pflegekräften werde zwar weiter wachsen, zugleich werde aber auch bei den Beschäftigten ein Anstieg erwartet. Die Zahl der ambulant tätigen Pflegefachkräfte soll von rund 207.000 im Jahr 2023 auf 221.000 im Jahr 2030 wachsen. Bei Hilfs- und Assistenzberufen werden statt 156.000 künftig 167.000 Erwerbstätige prognostiziert. Das entspricht in beiden Gruppen einem Plus von rund sieben Prozent.
Der Bundestags-Newsletter fasst die Antwort deshalb unter der Überschrift "Wachstum bei ambulanten Pflegekräften prognostiziert" zusammen. Doch genau hier liegt ein entscheidender Unterschied: Die Bundesregierung prognostiziert mehr Beschäftigte. Ob deren Zahl schnell genug wächst, um den ebenfalls steigenden Personalbedarf zu decken, ist damit nicht beantwortet.
Home-Instead-Chef Eisenreich warnt vor zu viel Zuversicht
Thomas Eisenreich, Geschäftsführer von Home Instead und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Betreuungsdienste, hält es deshalb für verfrüht, aus den Zahlen Entwarnung abzuleiten. Er verweist auf ein Fachkräftemonitoring mit einem ähnlichen Prognosezeitraum. Dieses weist nach seiner Einschätzung bei Pflegefachkräften weiterhin eine Bedarfslücke aus, während bei geringer qualifizierten Kräften eher mit einer Deckung gerechnet werde.
Entscheidend seien zudem die Annahmen hinter solchen Prognosen. Wie viele junge Menschen beginnen und beenden künftig eine Ausbildung? Wie viele Pflegekräfte bleiben im Beruf? Wie entwickelt sich die Teilzeitquote? Und wie viele aus dem Ausland gewonnene Beschäftigte bleiben langfristig in Deutschland? "Das ist wie immer bei Statistiken: Es kommt darauf an, in welches Jahr man schaut", sagt Eisenreich.
Viele Pflegefachkräfte bleiben nur sechs bis sieben Jahre im Berufs
Wie stark allein die Verrentung auf die Personalentwicklung wirken kann, zeigt das aktuelle Caritas-Panel. Rund 31 Prozent der Beschäftigten bei der Caritas sind 55 Jahre oder älter, gegenüber etwa 24 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. In den kommenden zehn Jahren wird damit ungefähr ein Drittel der Caritas-Mitarbeiter das Rentenalter erreichen.
Die Träger steuern bereits mit Ausbildung dagegen. Mehr als 70 Prozent der Caritas-Träger bilden aus, etwa ein Drittel sogar über den eigenen Bedarf hinaus. Die Besetzungsquote offener Stellen liegt nach Angaben der Dienstgeberseite bei rund 84 Prozent. Der hohe Ersatzbedarf bleibt dennoch.
Auch die Pflegekammer Rheinland-Pfalz warnt davor, aus steigenden Beschäftigtenzahlen auf eine ausreichende Versorgung zu schließen. Zwar wuchs die Zahl der Altenpfleger in den dortigen Pflegeheimen zwischen 2015 und 2021 um knapp 20 Prozent, bei Altenpflegehelfern sogar um gut 58 Prozent. Nach der jüngsten Mitgliederstatistik der Kammer könnten jedoch kurz- und mittelfristig insbesondere in ländlichen und bereits überalterten Regionen bis zu 20 Prozent weniger Pflegefachkräfte zur Verfügung stehen als heute.
Als Problem sieht die Kammer dabei nicht allein die Gewinnung neuer Kräfte. Was genau so schwer oder fast schwerer wiege, sei, dass Pflegefachkräfte im Durchschnitt nur sechs bis sieben Jahre im Beruf blieben.
Kammerpräsidentin Postel: Fachkräfte gezielter einsetzen
Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen, sieht ebenfalls keinen Grund für Entwarnung. "In jedem Fall gibt es eine Bedarfssteigerung", sagt sie. Es müsse weiter daran gearbeitet werden, diesen Bedarf zu decken.
Dabei gehe es nicht allein darum, mehr dreijährig ausgebildete Pflegefachkräfte zu gewinnen. Ebenso wichtig sei die Frage, wofür sie eingesetzt werden. Fachkräfte sollten keine Aufgaben erledigen, die auch anders qualifizierte Beschäftigte übernehmen könnten. Damit rückt neben der Zahl der Beschäftigten auch der Qualifikationsmix in den Mittelpunkt.
APM-Chef Glasmeyer setzt auf mehr Assistenzkräfte
Gerade bei Assistenzkräften sieht Matthias Glasmeyer, Geschäftsführer der privaten APM Pflegeschulen, Chancen für einen deutlichen Aufwuchs. Die geplante bundeseinheitliche 18-monatige Pflegeassistenzausbildung könne die Ausbildungswege vereinfachen und zusätzliche Bewerbergruppen erschließen.
Dazu zählt Glasmeyer unter anderem Geflüchtete, Schulabgänger ohne Abschluss, Langzeitarbeitslose und Menschen, die bereits als ungelernte Hilfskräfte in der Pflege arbeiten. Auch für Bewerber, deren Sprachniveau zunächst nicht für die dreijährige Fachkraftausbildung reicht, könne die Assistenzausbildung einen Einstieg bieten.
Der Flaschenhals liege allerdings bei den Praxiseinsätzen. Für mehr Auszubildende müssten genügend Ausbildungsplätze in der Praxis zur Verfügung stehen. Daran mangele es derzeit noch. Glasmeyer hält einen stärkeren Personalaufbau dennoch für realistisch. Einen erheblichen Teil des zusätzlichen Personals werde Deutschland seiner Einschätzung nach allerdings weiterhin im Ausland gewinnen müssen.
Kirsten Gaede
