News für das Pflegemanagement

Warum ein Sanierungsberater selbst Pflegeheime betreibt

Die auf Sanierung und Interimsmanagement spezialisierte Withus AG steigt ins Betreibergeschäft ein. Zwei Pflegeeinrichtungen hat sie bereits übernommen, weitere Standorte sind geplant. Vorstand Axel Dietrich und Aufsichtsratschef Martin Procher erklären, warum sie ausgerechnet in wirtschaftlich angeschlagenen Häusern Potenzial sehen und weshalb sie trotzdem keine große Kette werden wollen.

Die Withus AG kennt die wirtschaftlichen Probleme von Pflegeeinrichtungen aus ihrer Beratungspraxis. Das Unternehmen übernimmt Interimsmanagement und saniert Betriebe. Seit diesem Jahr führt es auch selbst Pflegeheime. Im Februar übernahm die Betreibergesellschaft With us Care eine Seniorenwohnanlage in Merzenich bei Köln. Zum 1. Oktober ist eine Einrichtung mit 86 Plätzen in Fronhausen zwischen Marburg und Gießen hinzugekommen.

Beide Häuser hatte Withus zuvor selbst begleitet und saniert. „Wir sind nicht der x-te Betreiber“, sagt Vorstand Axel Dietrich. Das Unternehmen wolle bei Übernahmen an die Ursachen wirtschaftlicher Probleme gehen, insbesondere bei Pflegesatzverhandlungen und beim Personalmanagement.

Dietrich und Aufsichtsratsvorsitzender Martin Procher sind seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Pflegebranche tätig. Dietrich hatte unter anderem Führungspositionen bei großen Pflegekonzernen wie Korian inne. Procher ist auf Unternehmensberatung, Personalgewinnung und Versorgungskonzepte spezialisiert.

Viele kleine Betreiber verhandeln ihre Pflegesätze zu selten

Ein wiederkehrendes Problem bei wirtschaftlich angeschlagenen Einrichtungen seien versäumte Pflegesatzverhandlungen. Manche Betreiber hätten drei oder vier Jahre lang keine neuen Vergütungen ausgehandelt, berichten Dietrich und Procher. Stattdessen beschränkten sie sich auf pauschale Erhöhungen. Steigende Sach- und Personalkosten würden dadurch nicht ausreichend berücksichtigt.

Gerade kleinere Betreiber scheuten mitunter die Kosten externer Unterstützung bei Pflegesatzverhandlungen. Dabei könnten sich diese Ausgaben durch höhere, sachgerecht kalkulierte Vergütungen schnell amortisieren.

Auch bei Digitalisierung und Controlling sehen die Berater Nachholbedarf. In manchen Einrichtungen werde noch überwiegend auf Papier dokumentiert. Investitionen von 50.000 bis 60.000 Euro in digitale Systeme seien für kleine Betreiber jedoch schwer zu stemmen. Dabei könnten digitale Pflegedokumentation, Dienstplanung und Abrechnung den Betrieb erheblich erleichtern.

Zweite Übernahme nach Insolvenz

Das jüngste Beispiel ist das Pflegeheim in Fronhausen. Die bisherige Eigentümerin und Betreiberin ist über 70 Jahre alt. Im Zuge einer Nachfolgeregelung übernahm Withus zunächst das Interimsmanagement. Noch vor dem Betreiberwechsel kam es zur Insolvenz.

Die Einrichtung verfügt über 86 Plätze und liegt in einer Region mit vergleichsweise wenigen anderen Pflegeheimen. Dietrich sieht deshalb gute wirtschaftliche Perspektiven. Withus hat den Mietvertrag für die Immobilie bereits abgeschlossen. Bei der Übernahme arbeitete das Unternehmen mit der Bremer Standortberatung Immotiss zusammen.

Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei konstruktiv verlaufen. Ein neuer Versorgungsvertrag und Pflegesatzverhandlungen konnten nach Angaben von Dietrich zügig auf den Weg gebracht werden.

Solche Nachfolgefälle begegnen den Beratern häufig. Gerade im ländlichen Raum gebe es weiterhin zahlreiche inhabergeführte Einrichtungen, bei denen Betreiber und Immobilieneigentümer identisch seien. Die nächste Generation wolle den Betrieb jedoch oft nicht fortführen. Gleichzeitig seien Digitalisierung, Personalmanagement und wirtschaftliche Steuerung für einzelne Betreiber zunehmend anspruchsvoll.

Lieber Schnellboot als Tanker

Dass sich der Betrieb einzelner Häuser ohne regionale Cluster wirtschaftlich rechnen soll, erklären Dietrich und Procher mit ihrer Organisationsstruktur. „Wir sehen uns als Schnellboot, nicht als Tanker“, sagt Dietrich. Statt einer großen Zentrale setzt Withus auf eine kleine Mannschaft vor Ort und ein Netzwerk externer Partner.

Die Erfahrungen aus großen Pflegeunternehmen ließen sich auf einzelne Einrichtungen übertragen, etwa beim Controlling, bei der Personalgewinnung oder bei digitalen Prozessen. Entscheidend sei aber auch die regionale Vernetzung.

Besonders wichtig ist für Dietrich die Belegung. „Jedes Bett muss belegt sein.“ Voraussetzung dafür seien ausreichend Mitarbeiter und ein gutes Betriebsklima. Mit dem Gehalt allein könnten Pflegeanbieter heute kaum noch punkten. Withus setzt deshalb auf persönliche Führung, die Einbindung der Leitungskräfte vor Ort. Dietrich selbst ist nach eigenen Angaben regelmäßig in den Einrichtungen und spricht dort mit Mitarbeitern und Bewohnern. Auch mit zusätzliche Leistungen wie eine betriebliche Krankenversicherung und ein Mitarbeiterversorgungswerk versuchen Procher und Dietrich die Arbeit bei Withus attraktiv zu machen.

Weitere Standorte über ein Joint Venture

Der Einstieg ins Betreibergeschäft beschränkt sich nicht auf die beiden übernommenen Häuser. Gemeinsam mit dem regionalen Betreiber SWB Wohnstift hat Withus die SWB Pflegemanagement GmbH gegründet. Die Gesellschaft verbindet das operative Geschäft des Partners mit der Sanierungs- und Beratungskompetenz von Withus.

Für dieses Joint Venture sind zwei weitere Standorte in Vorbereitung: eine Einrichtung nahe Karlsruhe mit 70 Pflegeplätzen und 60 Plätzen im ambulanten Wohnen sowie ein Haus in Ostwestfalen mit 70 Pflegeplätzen. Gemeinsam wollen die Partner auch neue Wohnformen entwickeln.

Für die Withus-Gruppe ist zudem ein weiterer Standort in Südniedersachsen vertraglich gesichert. Einzelheiten können Dietrich und Procher noch nicht nennen. Damit zeichnet sich ein Portfolio von insgesamt fünf Standorten ab, drei im eigenen Betreiberbereich und zwei im Joint Venture.

Kein klassischer Kettenbetreiber

Trotz der Expansion wollen Dietrich und Procher nicht möglichst viele Pflegeheime übernehmen. Interessant seien vor allem Einrichtungen, deren wirtschaftliche Probleme sich beheben lassen und die trotz ihrer Schwierigkeiten über Entwicklungspotenzial verfügen.

Dazu gehört auch eine sorgfältige Prüfung der Immobilien. Während manche Eigentümer ihre Häuser regelmäßig instand hielten, sei in anderen seit 15 Jahren kaum investiert worden. Solche Unterschiede könnten über die Wirtschaftlichkeit einer Übernahme entscheiden.

Dass Withus langsam wächst, ist nach Darstellung der beiden Manager gewollt. Sie möchten vermeiden, dass das Tagesgeschäft eines großen Betreiberportfolios die Beratungs- und Projektarbeit verdrängt. Gleichzeitig eröffnet ihnen der eigene Betrieb die Möglichkeit, Sanierungskonzepte dauerhaft umzusetzen und neue Versorgungsformen zu erproben.

Kirsten Gaede