Je älter und multimorbider die Bewohner werden, desto wichtiger kann die regelmäßige Kontrolle von Vitalwerten werden. Gleichzeitig ist das Pflegeheim ihr Zuhause. Eine dauerhafte Verkabelung oder das Tragen von Sensoren kann die Bewohner beeinträchtigen und erschwert auch die Arbeit der Pflegekräfte.
Das israelische Unternehmen Neteera setzt deshalb auf Radar. Sein etwa spielkartengroßer Sensor wird oberhalb des Bettes angebracht und benötigt weder Elektroden oder Wearables am Körper noch eine Kamera. Er erfasst Herzfrequenz, Atemfrequenz und Atemtiefe. Hinzu kommen Schlafdauer und Schlafphasen, Körperbewegungen, Aktivitätsniveau und Positionswechsel sowie Häufigkeit und Dauer des Verlassens des Bettes. Die Werte werden kontinuierlich erfasst und dokumentiert.
Für Pflegeheime sieht das Unternehmen den Einsatz vor allem bei bettlägerigen und mobilitätseingeschränkten Bewohnern sowie bei Menschen mit erhöhtem Delirrisiko oder Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. Vitalwerte könnten so auch nachts kontrolliert werden, ohne Bewohner für eine Messung zu wecken.
Studie zeigt mögliche Zeitersparnis
Ob die Technik Pflegekräfte tatsächlich entlasten kann, hat die Universitätsmedizin Halle in einer vierwöchigen Machbarkeitsstudie untersucht. 16 Sensoren wurden in sieben Zimmern einer geriatrischen und einer Dialysestation installiert. 21 Pflegekräfte wurden geschult, 13 nahmen an der quantitativen Auswertung teil.
Bei der Erfassung von Herz- und Atemfrequenz benötigte das kontaktlose System im Mittel 20,3 Sekunden, bei konventioneller Messung waren es 133,8 Sekunden. Die Pflegekräfte bewerteten die Bedienbarkeit außerdem positiv. Auf der System Usability Scale erreichte die Lösung 74,5 von 100 Punkten; 68 Punkte gelten den Studienautoren zufolge als Referenz für eine überdurchschnittliche Nutzerfreundlichkeit.
Gerade auf der geriatrischen Station sahen die Pflegekräfte Vorteile darin, Vitalwerte kontinuierlich und automatisiert zu dokumentieren und Patienten nicht für jede Messung aufsuchen oder nachts wecken zu müssen.
Die Ergebnisse haben allerdings Grenzen. Es handelt sich um eine Machbarkeitsstudie mit wenigen Teilnehmern, auch fand sie nicht in einem Pflegeheim statt. Klinische Entscheidungen wurden weiterhin anhand der etablierten Monitoringverfahren getroffen. Die mögliche Zeitersparnis soll deshalb in einer Folgestudie weiter untersucht werden.
System ist in Deutschland verfügbar
Neteera 130 H-Plus ist nach Angaben des Herstellers nach der europäischen Medizinprodukteverordnung CE-zertifiziert und in Deutschland verfügbar. Einrichtungen können das System direkt über Neteera oder Partner im Gesundheitswesen beziehen.
Einen festen Preis nennt das Unternehmen nicht. Die Kosten richten sich nach Größe der Einrichtung, Zahl der eingesetzten Sensoren und Vertriebspartner. Pflegeanbieter müssen sich deshalb ein individuelles Angebot erstellen lassen.
