Erste digitale Norm-Rufanlage für Pflegeheime
Digitale Rufanlagen für Pflegeheime gelten in Deutschland als kaum realisierbar, weil sie regelmäßig an den strengen Vorgaben der DIN VDE 0834 scheitern (wir berichteten). Nun bringt mit Divital erstmals ein Anbieter eine mobile, weitgehend drahtlose Lösung auf den Markt, die nach Angaben des Unternehmens die Norm erfüllt. Für Betreiber ist das interessant, weil sich veraltete Anlagen günstiger austauschen lassen. Außerdem sparen Pflegekräfte durch direkte Sprachverbindung Laufwege.
Divital
Das System arbeitet über einen Funksender und -empfänger auf einer reservierten Frequenz
Warum laufen Rufanlagen in deutschen Pflegeheimen noch immer meist über Kabel? Die kurze Antwort lautet: wegen der Norm. Die DIN VDE 0834 schreibt vor, dass der Übertragungsweg für den Ruf isoliert und störungsfrei sein muss. Genau daran scheiterten digitale Lösungen bislang regelmäßig. Darüber berichtete am Dienstagabend die ZDF-Sendung Frontal.
Für Betreiber hat das handfeste Folgen. In vielen Häusern sind die Anlagen 20 oder 30 Jahre alt, Ersatzteile fehlen und Modernisierungen stehen an. Wenn die alten Leitungen dann defekt sind, müssen oft Wände geöffnet und neue Kabel vom Bewohnerzimmer bis ins Dienstzimmer verlegt werden. Das ist teuer, aufwendig und im laufenden Betrieb unerquicklich.
Warum die DIN-Norm für Rufanlagen so streng ist
Der Grund für die strengen Vorgaben ist jedoch nachvollziehbar. Ein Notruf muss schnell und sicher ankommen. Zwischen dem Knopfdruck im Zimmer und dem Eingang des Signals dürfen nur wenige Sekunden liegen. W-Lan gilt als ungeeignet, weil es in dicht belegten Frequenzbereichen arbeitet und Interferenzen möglich sind. Mobilfunk scheidet ebenfalls aus, weil eine Rufanlage im Heim lokal funktionieren und unabhängig vom Internet oder einem externen Netzbetreiber bleiben muss.
Genau an dieser Stelle setzt das Düsseldorfer Unternehmen Divital an. Die Firma, vor drei Jahren von Ingenieur Yury Ostrovskiy gegründet, und nach eigenen Angaben vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert, hat eine Rufanlage entwickelt, die mobil und weitgehend drahtlos arbeitet. Der Bewohner drückt den Knopf am Bett, das Signal geht direkt auf das DECT-Telefon der Pflegekraft. Dort kann der Ruf wie ein normales Gespräch angenommen werden. So lässt sich sofort klären, worum es geht: ein akuter Notfall oder ein Anliegen, das kurz warten kann.
Wie Divital die hohen Anforderungen der DIN-Norm löst
Der praktische Nutzen liegt auf der Hand. Pflegekräfte müssen nicht mehr grundsätzlich erst ins Zimmer laufen, um die Situation zu prüfen. Sie können die Situation schneller einordnen und ihre Arbeit besser planen. Das spart Wege und Zeit. Divital beziffert die Entlastung auf 9,25 Minuten pro Bewohner und Tag.
Technisch versucht Divital, das Kernproblem der Norm mit einem eigenen Funkprotokoll zu lösen. Das System arbeitet nicht über Wlan, auch nicht über Mobilfunk, sondern über einen Funksender und -empfänger auf einer für das jeweilige Objekt reservierten Frequenz. So sollen Interferenzen ausgeschlossen werden. Das Protokoll soll außerdem sicherstellen, dass die Übertragung innerhalb der vorgeschriebenen Zeit stattfindet und sich dies auch nachweisen lässt.
Wann die digitale Rufanlage geeignet ist
Für den Markt kommt die Lösung zu einem günstigen Zeitpunkt. Viele Heime stehen vor einer Welle von Erneuerungen, weil ihre bisherigen Lichtrufanlagen veraltet sind. Eine weitgehend drahtlose Lösung dürfte für Betreiber vor allem dort attraktiv sein, wo eine klassische Sanierung der Verkabelung teuer oder baulich schwierig wäre.
Einen Prototyp hat neben einem weiteren Betreiber auch die Humanika-Gruppe getestet. Geschäftsführer Svetoslav Markov plant nun, das System in allen Einrichtungen der Gruppe einzuführen. Divital bietet neben der Rufanlage bereits weitere Systeme an, darunter stille Alarmierung, Telefonie, Hausnotruf und KI-gestütztes Ambient Assisted Living System. Der Ansatz ist modular: Betreiber können nur die Rufanlage installieren und später weitere Bausteine ergänzen.
Kirsten Gaede