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22. Oktober 2023 | 22:45 Uhr
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Warum dauert die Digitalisierung so lange, Frau Ebel?

"Manchmal habe ich den Eindruck, die Politik wartet, dass die gute Fee vorbeikommt", sagt Judith Ebel (Foto) im Interview mit Care vor9. Der Kinderkrankenschwester, Pflegepädagogin und Gründerin der Lern-App Supernurse geht es viel zu langsam mit der Digitalisierung. Warum und wie sie als Vorsitzende des Vereins Care for Innovation Tempo machen werden will, erzählt sie im Gespräch mit Chefredakteur Thomas Hartung.

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Judith Ebel kennt die Praxis als Kinderkrankenschwester, gründete die Lern-App Supernurse und den Verein Care for Innovation

Sie haben Care for Innovation mitgegründet. Warum braucht die Pflege diesen Verein? 

Als wir 2019 Care for Innovation gegründet haben, gab es für Unternehmer mit zukunftsfähigen innovativen Ideen keinen Heimathafen. Das haben wir geändert. Mit Care for Innovation stoßen wir aktiv die digitale Transformation an. Damit machen wir Lösungen sichtbar, die Prozesse verbessern und Kosten senken, um Mitarbeitern wieder mehr Zeit für direkte Pflege und Betreuung zu ermöglichen. 

Gab es in den etablierten Verbänden keinen Platz für Start-ups? 

Natürlich beschäftigen sich auch andere Verbände mit der Digitalisierung. Sie haben aber meist die Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände im Blick. Wir vertreten die Innovatoren der Pflegebranche und sind inzwischen auch Partner im Verbändebündnis Digitalisierung. Als wir Care for Innovation gegründet haben, gab es von der Ausrichtung und Architektur nichts Vergleichbares.

Was genau ist das Ziel von Care for Innovation?

Wir transportieren die Lösungen unserer Mitglieder in die Branche und schaffen Sichtbarkeit, was einzelne Unternehmen oft nicht leisten können. Zum Beispiel durch unsere Gemeinschaftsstände wie zuletzt auf dem Deutschen Pflegetag, wo wir mit 15 Unternehmen präsent waren (Foto unten). Wichtig ist mir auch, Berührungsängste mit Technologien abzubauen und niedrigschwellig Digitalkompetenz zu entwickeln. Das heißt, wir führen die Mitarbeiter in den Einrichtungen an die Lösungen heran. Außerdem geht es uns um standardisierte Schnittstellen. Die Zukunft liegt nicht in Stand-alone-Lösungen, erfolgreiche Anwendungen müssen eingebettet sein in ein interoperables System. Das voranzutreiben, ist ein weiteres Ziel von uns.

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Wer sind Ihre Mitglieder und wie viele haben Sie aktuell? 

Wir sind aktuell rund 120 an der Zahl aus sechs europäischen Ländern. Alle unsere Mitglieder haben eine digitale Lösung, die den Pflege- oder Betreuungsprozess entlastet. Das ist quasi Aufnahmekriterium.

Auf der Website von Care for Innovation stellen Sie viele digitale Lösungen vor. Im Pflegealltag sind noch wenige im Einsatz. Woran liegt das? 

Da würde ich dagegenhalten. Die Mehrzahl unsere Mitglieder ist mit marktreifen Lösungen bereits in der Praxis. Allerdings sind die Einstiegshürden aus verschiedenen Gründen hoch, zum Beispiel durch mangelnde Ressourcen in der Produktentwicklung oder Finanzierung. Und, obwohl der Innovationsstau riesig ist, bleibt es für Einrichtungen herausfordernd, Softwarelösungen einzuführen. Da muss man schauen, mit welcher Mannschaft stemmt man das? Und wie viel Digitalisierung verkraftet eine Einrichtung?

Die Innovationen sollen doch entlasten.

Das tun sie auch. Nur häufig ist die Einführung solcher Lösungen zunächst aufwändig und wird von manchen Mitarbeitern auch als Bedrohung empfunden. Da braucht es dann strategische Macher mit Weitblick in den Unternehmen, die das trotzdem durchziehen, und eine gute Projektleitung. Es macht keinen Sinn, fünf Sachen gleichzeitig anzufangen.

Warum ist es für Start-ups so schwer, sich in der Pflege durchzusetzen? 

Die Pflegebranche ist davon geprägt, dass der Mensch im Vordergrund steht. Die Mitarbeiter haben sich für einen Beruf mit Menschen entschieden. Nun wird die Notwendigkeit der Digitalisierung größer und präsenter. Das macht einigen Angst, ist aber total unbegründet, denn niemand wird ihnen den Job am Menschen wegnehmen können. Für die Start-ups ist es wichtig, sich auf die Nutzer zu fokussieren und ihre Lösungen in vorhandene Software-Landschaften einzupassen.

Wie kann Care for Innovation dabei helfen? 

Wir helfen durch den intensiven Austausch im Verein. Unser Motto ist ‚Miteinander voneinander lernen‘. Wir sind keine verstaubten Wissensbewahrer, sondern unterstützen uns gegenseitig, bilden Kooperationen und Schnittstellen untereinander und öffnen Türen. Wenn mir ein Kunde berichtet, dass er eine Lösung für ein bestimmtes Problem sucht, rattern in meinem Kopf die Anwendungen der Mitglieder und ich stelle Kontakte her.

Sind die Einrichtungen reif für digitale Lösungen?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich kenne einen kleinen Pflegedienst, der ist bei der Digitalisierung ganz vorne mit dabei. Und es gibt große Träger, die eigene Abteilungen dafür haben. Aber manchmal sind sie auch Tanker, die schwer auf einen neuen Kurs zu bringen sind. Wir brauchen in den Einrichtungen Menschen, die drei Schritte weiterdenken. Die gibt es nicht überall. Manchmal helfen auch Krisen, um eine Branche voranzubringen. Corona hat der Digitalisierung sicher einen Schub gegeben und der Fachkräftemangel pusht die digitale Transformation weiter.

Was sind Ihrer Meinung nach die Kernbereiche, in denen Start-ups mit neuen Lösungen die Pflege voranbringen könnten? 

Das lässt sich von den Herausforderungen ableiten, vor denen wir stehen. Die Pflegenden - egal ob professionell oder Angehörige - benötigen Lösungen, die die mühevollen und ressourcen-verschlingenden Prozesse entlasten, Kosten sparen und ihnen fachliche Sicherheit geben. Hier reden wir zum Beispiel von gebündelter Sensorik zur Überwachung der Vitalwerte, von alternativen Bildungsangeboten und Lösungen zur Förderung von Teilhabe oder der Frage wie wir Dokumentationsanforderungen gerecht werden können. 

Was muss sich an den Rahmenbedingungen ändern, damit Digitalisierung schneller vorankommt?

Ganz ehrlich? Es muss aufhören, dass wir uns von einem Fördertopf zum nächsten hangeln. Wenn ich Digitalisierung ernst meine, dann brauche ich eine langfristig abgesicherte Finanzierung, die nicht in Legislaturen denkt und sich in fortwährenden Pilotprojekten verhakt. Es dauert alles einfach zu lange. Wir müssen endlich in die Puschen kommen, sonst fehlen uns schon sehr bald die Mitarbeiter, die die Prozesse steuern und umsetzen können. Ein anderer Punkt ist die ganzheitliche Herangehensweise. Die Versorgungssysteme müssen sektorenübergreifend aus der Sicht der Pflegebedürftigen, der pflegenden Angehörigen, der Ärzten und Therapeuten und vor allem der professionellen Pflege gestaltet werden und nicht jeder Bereich für sich. Dann wären wir schon deutlich weiter.

Und jetzt?

Es liegt alles auf dem Tisch. Wir wissen, was zu tun ist, aber es passiert einfach mit angezogener Handbremse. Manchmal habe ich den Eindruck, die Politik wartet, dass die gute Fee vorbeikommt. Wir müssen das jetzt wuppen, und das kostet einfach auch mehr. Andere Länder sind da weiter, zum Beispiel Dänemark, Belgien oder die Niederlande. Da fließt für digitalen Wandel einfach viel mehr Geld. 

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Judith Ebel ist pflegewissenschaftliche Beraterin und hat mit der Lern-App Supernurse ein erfolgreiches Start-up gegründet. Auch den Verein Care for Innovation hob sie mit aus der Taufe und ist dort heute als Vorstand aktiv. Ebel startete ihren Weg in der Pflege 1990 mit einer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, ihr Traumberuf schon als kleines Mädchen. Sie arbeitete in Aachen und später in der Kinderintensivpflege in Berlin. 1999 begann Ebel ein Studium zur Diplompflegepädagogin, seit 2006 berät sie Einrichtungen in der Pflege und im Gesundheitswesen. Vor acht Jahren entwickelte sie Supernurse, die Lern-App für Pflegende. 2019 gründete sie zusammen mit Gleichgesinnten den Verein Care for Innovation, dessen 1. Vorsitzende Ebel ist.

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