Die Schattenseite der Auslandsanwerbung
Die Reportagen von ARD und ZDF haben gezeigt, wie vietnamesische Pflegekräfte und Auszubildende in die Fänge dubioser Vermittlungsagenturen geraten, hohe Vermittlungsgebühren zahlen müssen und mitunter auch von ihren Arbeitgebern schlecht behandelt werden. Experten sehen deshalb auch die Pflegeunternehmen in der Verantwortung. Wer Pflegekräfte aus dem Ausland anwirbt, sollte Vermittlungsverträge genau prüfen und auf faire Standards achten, raten Fachleute.
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Unseriöse Vermittlungsagenturen arbeiten mit unfairen Verträgen und lassen die Auszubildenden oft 10.000 Euro und mehr zahlen
Dass die in den TV-Reportagen geschilderten Fälle (wir berichteten) keine Einzelfälle sind, bestätigt Markus Sasse, Prokurist des Antoniushauses Seniorenheim in Lüdinghausen und Dozent. Durch seine Kontakte zu Pflegeeinrichtungen und einer Sprachschule in Indien höre er immer wieder, dass internationale Pflegekräfte schlechte Erfahrung machen: mit Vermittlungsagenturen, aber auch mit Arbeitgebern. "Integration ist viel komplexer und die Verantwortung, die wir übernehmen, viel größer", sagt Sasse.
Auch Bodo de Vries, Geschäftsführer des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld, sieht Pflegeunternehmen in der Verantwortung. Sein Unternehmen habe in den vergangenen Jahren mehrere hundert Pflegekräfte aus Drittstaaten integriert und aus früheren Fehlern gelernt. Heute lasse sich das Johanneswerk für jeden einzelnen Bewerber sämtliche Vermittlungsverträge vorlegen und prüfe sie gemeinsam mit der Rechtsabteilung. Selbst bei seriös auftretenden Agenturen werde kontrolliert, ob die Vereinbarungen vollständig, korrekt und realistisch seien.
Bodo de Vries: "Wir als Träger sind keine Hausverwaltung"
Nach den Erfahrungen von de Vries werden internationalen Pflegekräften häufig Leistungen versprochen, die Arbeitgeber gar nicht zusagen können. Dazu gehöre vor allem die Bereitstellung von Wohnraum. "Wir als Träger sind keine Hausverwaltung", sagt de Vries. Die Wohnungssuche sei vielerorts eines der größten Probleme bei der Integration ausländischer Pflegekräfte. Deshalb investiere das Johanneswerk selbst in Wohnmöglichkeiten und baue gerade ein ehemaliges Gästehaus zu einem Wohnheim für Auszubildende um. Doch das alles reiche lange nicht, um den Bedarf zu decken.
Nach Einschätzung der Gütegemeinschaft Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland (Gapa) beginnt das Problem häufig schon bei der Vermittlung. Besonders kritisch sei es, wenn Arbeitgeber davon ausgingen, Auszubildende könnten kostenlos angeworben werden. "Im Zweifel zahlt hier die interessierte Person", sagt Gapa-Geschäftsführerin Ann-Christin Wedeking. Die Fernsehreportagen hätten gezeigt, welche finanziellen Belastungen so für die Azubis entstehen können. Da war von 10.000 Euro und mehr die Rede.
Wichtig: Auf das Employer-Pays-Prinzip achten
Die Gapa rät Pflegeunternehmen deshalb, Vermittlungsagenturen sorgfältig auszuwählen und sich nicht von vermeintlich kostenlosen Angeboten locken zu lassen. Verlange eine Agentur vom Arbeitgeber keine oder nur sehr geringe Gebühren, müsse hinterfragt werden, wer stattdessen die Kosten trage. Orientierung biete das Gütezeichen "Faire Anwerbung Pflege Deutschland". Dessen Kriterien sollen ab 2027 auch für die Anwerbung von Auszubildenden gelten. Grundlage ist das sogenannte Employer-Pays-Prinzip: Die Kosten der Vermittlung sollen vom Arbeitgeber getragen werden – nicht von den Pflegekräften oder ihren Familien.
Kirsten Gaede