In der Pflegebranche wird über komplizierte Vergütungsverhandlungen, Pflegesätze und Abrechnungsvorgaben geklagt. Bei Aterima spielen all diese Faktoren praktisch keine Rolle. "Wir rechnen nicht mit den Kassen ab, wir sind auch nirgendwo anerkannt – das wollen wir auch gar nicht", sagt Geschäftsführer Peter Blassnigg. Dennoch gibt es Kontakt zu den Pflegekassen: Die Berater rufen gemeinsam mit Kunden dort an, um verfügbare Budgets zu klären oder Ansprüche für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege abzufragen.
Aterima ist aus dem klassischen Geschäft mit sogenannten 24-Stunden-Kräften entstanden. Die polnische Muttergesellschaft gibt es seit mehr als 15 Jahren. Früher stellte sie Betreuungskräfte deutschen Vermittlungsagenturen zur Verfügung. 2021 begann die Gruppe, in Deutschland ein eigenes Beraternetzwerk aufzubauen. Heute gibt es mehr als 50 selbstständige Standorte, die nach den Vorgaben von Aterima arbeiten.
Erst beraten, dann Betreuung organisieren
Aterima bietet Pflegebedürftigen und ihren Familien eine Rundum-Beratung an. Man könnte sagen, es ist die Pflegebegleitung: Zunächst geht es darum, was Angehörige noch leisten können, wo Entlastung nötig ist und was das jeweilige Krankheitsbild erfordert. Anschließend koordiniert Aterima je nach Bedarf ambulante Pflegedienste, Tagespflege, Nachbarschaftshilfe, Pflegehilfsmittel oder ein Pflegebett. Manchmal geht es sogar um sehr praktische Dinge, wie die Renovierung des Zimmers für die Betreuungskraft oder die Beauftragung eines Gärtners, wenn die Angehörigen weit entfernt wohnen.
Blassnigg beschreibt das als eine Art Case-Management. "Wir sprechen nicht nur, sondern wir machen dann auch die Umsetzung." Wer vom Pflegestützpunkt mit einer Liste von Empfehlungen nach Hause geht, muss viele Anrufe selbst erledigen. Genau diese Koordination übernimmt Aterima gegen Bezahlung.
Pflegerisch aktiv wird Aterima nur bei der 24-Stunden-Betreuung. Die Alltagsbegleitung für wenige Stunden täglich übernimmt das Unternehmen hingegen nicht selbst. Solche Dienste werden von Aterima vermittelt und koordiniert. Die gesamte Koordination zahlt der Kunde direkt. Bei einzelnen Produkten wie Hausnotrufsystemen oder Hilfsmitteln erhält Aterima eine Vergütung.
"24 Stunden" bedeutet nicht 24 Stunden Arbeit
Mit dem Begriff "24-Stunden-Betreuung" kann Blassnigg nichts anfangen. Rund 700 Vermittlungsagenturen seien nach seiner Schätzung in Deutschland aktiv, viele werben mit genau diesem Begriff. "Keiner kann 24 Stunden arbeiten", sagt er. Bei Aterima haben die eingesetzten Betreuungskräfte eine reguläre 40-Stunden-Woche und mindestens einen freien Tag. Zwar wohnen die Kräfte bei den Pflegebedürftigen, ihre Freizeit bleibt aber Freizeit. Ohne einen freien Tag wird ein Auftrag gar nicht erst angenommen.
Gerade bei Menschen mit höherem Pflegebedarf funktioniert das Modell nur, wenn verschiedene Angebote ineinandergreifen. Bei Bettlägerigen nimmt Aterima einen Auftrag beispielsweise nur an, wenn zusätzlich mindestens zwei- bis dreimal pro Woche ein ambulanter Pflegedienst ins Haus kommt. "Ich brauche dann das Fachauge", sagt Blassnigg. Während der Pflegedienst vor Ort ist, muss die Betreuungskraft nicht arbeiten, auch Angehörige helfen aus.
Pflegefachteam in Polen überwacht komplexe Fälle
Eine Besonderheit sitzt im Hintergrund in Polen: Sechs Pflegefachfrauen und ein Pflegefachmann unterstützen die Betreuungskräfte bei komplexeren Krankheitsbildern. Aterima hat dafür spezielle Konzepte für Demenz, Parkinson, Schlaganfall und bettgebundene Menschen entwickelt. Bei Demenz wird nach der Beratung zunächst mithilfe eines zusätzlichen Fragebogens die Biografie und Situation des Pflegebedürftigen erfasst. Nach Ankunft der Betreuungskraft entwickelt das Fachteam daraus Empfehlungen für Aktivierung und Begleitung, die alle 14 Tage überprüft werden. Laut Blassnig haben mehr als 30 Prozent der Aterima-Kunden eine demenzielle Erkrankung.
Auch beim Thema Sprache geht Aterima anders vor. Die meisten Betreuungskräfte kommen aus Polen, hinzu kommen unter anderem ukrainisch- und türkischsprachige Kräfte. Da die Zahl der Bewerber, die gut Deutsch sprechen, in Osteuropa sinkt, prüft das Unternehmen genauer, wie viel Sprachkompetenz im jeweiligen Fall tatsächlich erforderlich ist. Bei Haushaltsführung, Essen oder Spaziergängen könne die Verständigung teilweise auch mit technischen Hilfsmitteln oder in anderen Sprachen funktionieren. Bei anderen Krankheitsbildern ist gutes Deutsch dagegen unverzichtbar.
Von 50 auf knapp 1.200 Kunden
Seit dem Aufbau des eigenen Beraternetzes ist Aterima kräftig gewachsen. 2021 startete die Struktur mit rund 50 Kunden, heute sind es knapp 1.200. Neben Deutschland ist das Unternehmen auch an der Costa Brava aktiv, wo viele Deutsche und andere Nordeuropäer ihren Alterswohnsitz haben. Der Gruppenumsatz liegt laut Blassnigg bei über 35 Millionen Euro jährlich.
Trotzdem soll Aterima nicht möglichst schnell groß werden. Die Gruppe ist privat geführt und nicht von Private Equity finanziert. Angepeilt sind lediglich drei bis fünf Prozent Wachstum pro Jahr. "Wir müssen nicht die Größten sein", sagt Blassnigg. Wichtiger sei es, "ordentliche Betreuungssituationen herzustellen".
Kirsten Gaede
