Herr Grabow, laut Ihrer gerade veröffentlichten Curacon-Analyse liegt die mittlere Ebit-Marge (Ebit: Gewinn vor Zinsen und Steuern) stationärer Pflegeeinrichtungen bei gerade einmal 1,5 Prozent. Ist das nicht viel zu wenig, um wirtschaftlich gesund zu sein?
Es ist richtig, dass der Median einen nicht vom Hocker reißt. Wenn man Einrichtungen herausnimmt, die Probleme mit der Auslastung, einem hohen Fremdpersonaleinsatz oder einem Umbau haben, liegt die durchschnittliche Rendite zwischen zwei und vier Prozent. Private Träger schaffen sogar fünf bis acht Prozent. Geringe Renditewerte sind allerdings auch ein Ergebnis der kostenbasierten Finanzierungslogik.
Bereits heute zeigt sich eine zunehmende Polarisierung zwischen wirtschaftlich erfolgreichen und defizitären Trägern. Die Pflegereform wird den Druck auf Pflegeeinrichtungen voraussichtlich weiter erhöhen. Das Schönwettersegeln ist vorbei.
Hängt der wirtschaftliche Erfolg eines Pflegebetreibers vor allem von seiner Größe ab? Haben große Träger Vorteile gegenüber kleineren?
Aus unserer Sicht hängen die Unterschiede nicht primär von der Größe der Betreiber oder Träger ab. Aus den Daten unseres Datenpools oder unserer Markterfahrung lässt sich jedenfalls kein reiner Größeneffekt ableiten.
Größe kann ein Vorteil sein, etwa durch Skaleneffekte, Spezialisierung und professionellere Zentralstrukturen. Sie kann aber ebenso zum Nachteil werden, wenn die zusätzliche Komplexität nicht durch integrierte Systeme, klare Verantwortlichkeiten und eine leistungsfähige Steuerung beherrscht wird.
Umgekehrt können kleinere Betreiber durch kurze Entscheidungswege, regionale Nähe und eine klare Positionierung erfolgreich sein. Pointiert formuliert: Die zunehmende Polarisierung ist weniger eine Frage der Größe als eine Frage der Umsetzungskompetenz.
Was machen wirtschaftlich schwache Betreiber falsch? Welche Fehler beobachten Sie besonders häufig?
Drei Fehler begegnen uns immer wieder. Erstens werden Probleme verwaltet, statt ihre Ursachen zu lösen. Auslastungsprobleme, hoher Fremdpersonaleinsatz, ineffiziente Touren- und Dienstplanung oder Liquiditätsengpässe werden häufig isoliert betrachtet.
Es fehlt an einer systematischen Ursachenanalyse und an klaren Maßnahmen mit Verantwortlichkeiten, Fristen und messbaren Ergebnissen. Dadurch wird zu spät gegengesteuert.
Welche Fehler werden noch gemacht?
Zweitens bleibt die Strategie zu allgemein oder wird nicht konsequent umgesetzt. Viele Betreiber haben zwar Leitbilder und strategische Ziele, aber keine hinreichend konkrete Antwort auf die Frage, mit welchen Angeboten sie künftig in welcher Region und für welche Zielgruppen wirtschaftlich tragfähig sein wollen.
Gerade angesichts der Ambulantisierung und der neuen Leistungslogik des geplanten Pflegeneuordnungsgesetzes reicht es nicht mehr aus, bestehende Strukturen fortzuschreiben. Erforderlich sind Szenarien, klare Prioritäten und gegebenenfalls auch die Bereitschaft, Angebote neu zu ordnen oder Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln.
Und drittens?
Drittens greifen Leitung, Kommunikation und operative Steuerung nicht ausreichend ineinander. Häufig fehlen integrierte EDV-Systeme, verlässliche Kennzahlen und eine Steuerung auf Knopfdruck.
Informationen liegen in unterschiedlichen Systemen vor oder erreichen die Leitung zu spät. Gleichzeitig sind Verantwortlichkeiten nicht immer eindeutig, Entscheidungen werden verzögert und Veränderungen nicht ausreichend kommuniziert. Das erschwert eine kompetenz- und bedarfsgerechte Pflegeorganisation und führt zu Ineffizienzen im Alltag.
Sie haben schon einmal auf Compassio-Chef Christopher Nolde, der Leitung und Kommunikation als Ursachen wirtschaftlicher Probleme nennt. Sind solche vermeintlich weichen Faktoren tatsächlich so entscheidend?
Die von Herrn Nolde angesprochenen Bereiche Leitung und Kommunikation sind kein weiches Zusatzthema, sondern ein zentraler wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Mitarbeiter müssen wissen, welche Ziele gelten, wer entscheidet und wie Veränderungen umgesetzt werden sollen. Wo Führung Orientierung gibt, Probleme offen angesprochen werden und Informationen verlässlich weitergegeben werden, entstehen die Voraussetzungen für eine wirksame Steuerung.
Was bedeutet das geplante Pflegeneuordnungsgesetz für die wirtschaftliche Lage der Einrichtungen?Der Tarifdeckel bringt insbesondere Pflegeeinrichtungen unter Druck, die das regional übliche Entlohnungsniveau anwenden. Gleichzeitig bestehen große Unterschiede zwischen den Betreibern, etwa bei der Integration von EDV-Systemen, beim Digitalisierungsgrad, bei der kompetenz- und bedarfsgerechten Pflegeorganisation oder bei energetischen Standards.
Chancen liegen in den neuen Finanzierungsoptionen für die Digitalisierung. Neu ist, dass der Kabinettsentwurf jetzt ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen nennt. Der Fördertopf war ursprünglich auf ambulante Pflege und Tagespflege beschränkt.
Was raten Sie Pflegebetreibern angesichts dieser Veränderungen?
Ich empfehle Pflegeeinrichtungen dringend, die möglichen Auswirkungen der Reform zu analysieren – trotz aller Unwägbarkeiten. Strategische Planungen und die Erarbeitung von Optimierungsmaßnahmen werden für viele Einrichtungen zur Überlebensvoraussetzung.
Das Interview führte Kirsten Gaede
