Mehr als drei Viertel der Beschäftigten im europäischen Pflege- und Sozialwesen beschreiben ihre tägliche Arbeitsbelastung als hoch oder sehr hoch. 70,5 Prozent geben an, dass ihre Teams regelmäßig an oder nahe der Belastungsgrenze arbeiten. Besonders angespannt ist die Situation in der stationären Altenhilfe. In Deutschland bezeichnen 45,3 Prozent der dort Beschäftigten ihre tägliche Belastung als "sehr hoch". In Österreich sind es mit 45,2 Prozent fast ebenso viele. Von allen untersuchten Kombinationen aus Ländern und Versorgungsbereichen sind dies die extremsten Werte.
Die Ergebnisse stammen aus der "Trendstudie Pflege & Soziales 2026" des Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag des auf Pflege- und Sozialwirtschaft spezialisierten Softwareanbieters Myneva. Befragt wurden 3.525 Beschäftigte aus Pflege und Sozialwesen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Schweden und Finnland.
Viele Pflegekräfte schätzen die Zeitersparnis durch Digitalisierung auf zehn Prozent
Die Befragungsergebnisse zeigen außerdem, dass digitale Technik im Arbeitsalltag längst Wirkung entfaltet. Insgesamt schätzen 65 Prozent der Befragten, dass digitale Systeme ihnen mindestens zehn Prozent ihrer Arbeitszeit sparen. 17 Prozent sprechen sogar von einer Zeitersparnis von mindestens 30 Prozent. Am häufigsten macht sich das bei der Dokumentation bemerkbar: 63 Prozent berichten hier von Zeitgewinnen. 45 Prozent sparen Zeit bei der Informationssuche, 42 Prozent bei der Kommunikation und 41 Prozent bei Organisation und Planung.
Doch weniger Zeitaufwand führt offenbar nicht automatisch zu weniger Arbeit. Rund 80 Prozent sagen, dass die durch digitale Systeme eingesparte Zeit unmittelbar von anderen Aufgaben beansprucht wird. Genau darin liegt eine zentrale Erkenntnis der Studie: Angesichts von Personalmangel, steigender Nachfrage und komplexeren Versorgungsanforderungen geht es nicht darum, durch Digitalisierung Leerlauf zu schaffen. Entscheidend ist, wofür die frei werdende Arbeitszeit genutzt wird.
42 Prozent der Befragten investieren die eingesparte Zeit in eine bessere Dokumentation. 41,5 Prozent verbringen mehr Zeit mit Klienten oder Bewohnern. 36 Prozent nutzen die Entlastung zur Stressreduzierung und 31,5 Prozent für eine bessere Koordination im Team.
In Pflegeheimen wird die gewonnene Zeit oft genutzt, um die Doku weiter zu verbessern
Gerade in der stationären Altenhilfe zeigt sich allerdings, wie stark die Dokumentation weiterhin den Alltag bestimmt. In Deutschland geben gut 48 Prozent der Befragten aus diesem Bereich an, die digital gewonnene Zeit vor allem wieder in eine bessere Dokumentation zu investieren. Digitalisierung schafft damit nicht unbedingt weniger Arbeit. Sie kann Einrichtungen aber helfen, mit knappen Personalressourcen steigende Anforderungen besser zu bewältigen.
So berichten 67 Prozent von einer verbesserten Dokumentationsqualität und 62 Prozent von strukturierteren Übergaben. 62 Prozent sehen ihre professionelle Handlungssicherheit gestärkt. 59 Prozent geben an, dass digitale Systeme bereits dazu beitragen, Fehler im Arbeitsalltag zu reduzieren, etwa bei der Medikamentengabe.
Für Führungskräfte verschiebt sich damit die entscheidende Frage: Nicht allein die Einführung neuer Technik oder die eingesparte Arbeitszeit sollte den Erfolg der Digitalisierung bestimmen. Relevant ist, ob die Technik die Organisation tatsächlich verbessert – etwa indem Informationen schneller verfügbar sind, Teams besser zusammenarbeiten, Entscheidungen sicherer werden und mehr Zeit für Bewohner und Klienten bleibt.
67 Prozent der Befragten wünschen eine KI, die weniger erfahrene Kollegen unterstützt
Auch bei KI und digitalen Assistenzsystemen richten sich die Erwartungen der Beschäftigten auf konkrete Unterstützung. 67 Prozent sehen einen hohen Bedarf bei der Unterstützung weniger erfahrener Mitarbeiter, 65 Prozent bei der Dokumentation, 64 Prozent beim Bereitstellen relevanter Informationen zum richtigen Zeitpunkt und 63 Prozent bei der Priorisierung von Aufgaben. In der stationären Altenhilfe in Deutschland wünschen sich 71 Prozent Unterstützung beim Zugriff auf relevante Informationen und 70 Prozent bei Dokumentationsaufgaben.
Myneva weist in der Studie immer wieder daraufhin, dass Technologie allein weder den Fachkräftemangel noch die hohe Arbeitsbelastung löst. Sie helfe aber Arbeitszeit von Fachkräften freizuspielen und dafür zu sorgen, dass sie dort eingesetzt werden kann, wo sie Versorgung, Zusammenarbeit und Sicherheit verbessert.
