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27. Juni 2022 | 20:57 Uhr
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Die Anwerbung internationaler Pflegekräfte ist ein Marathon

Personalmangel ist das Mega-Thema auf Jahre und immer mehr Einrichtungen bauen bei der Lösung des Problems auf Pflegekräfte aus dem Ausland. Doch es gibt viele Hürden. Was dabei die größten Denkfehler sind, welchen Aufwand Unternehmen für die Anwerbung und Integration treiben müssen und wie lange es dauert, erklärt Robert Mittelstädt (Foto), Co-Initiator der Initiative Match bei der Sprachschule Lingoda, im Interview.

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Robert Mittelstädt vom Bildungsträger Lingoda hat die Initiative Match mit gegründet, die sich für die Integration internationaler Pflegefachkräfte einsetzt

Vor einem Jahr haben Sie die Initiative Match für die Integration internationaler Gesundheitskräfte ins Leben gerufen. Wie ist die Resonanz unter den Pflegeeinrichtungen?

Die Resonanz ist hervorragend und das Interesse auf Entscheiderebene in der Pflege hoch. Wir haben mit unseren Regional-Veranstaltungen für alle 16 Bundesländer bisher rund 800 Teilnehmende erreichen können. Zudem stehen über 130 Akteure aus Gesundheitseinrichtungen, von öffentlichen Institutionen und geprüften Personalagenturen als Match-Partner an unserer Seite – und wir sind ja erst vor gut einem halben Jahr mit der Initiative gestartet. Wir spüren hierbei, wie wichtig die Anwerbung und Integration von ausländischen Fachkräften für Gesundheitsträger ist, denn qualifiziertes Personal ist das Mega-Thema in der Pflege für die nächsten Jahrzehnte.

Was sind die größten Hindernisse bei der Anwerbung und Einstellung ausländischer Pflegekräfte?

Als größte Hürde erweisen sich die sehr unterschiedlichen Anerkennungsverfahren in den Bundesländern. Außerdem gibt es vermehrt Probleme mit dem Visum oder Aufenthaltstitel. Langfristige und immer gewichtigere Themen sind die Sprachkompetenz und nachhaltige Integration mit Bleibewillen von internationalen Pflegefachkräften. Gleichzeitig muss die Politik die Themen Anwerbung und bessere Anerkennung weiterhin auf der Agenda behalten.

Was wäre Ihrer Meinung nach der wichtigste Schritt von der Politik, um mehr Pflegekräfte aus dem Ausland zu gewinnen?

Wir von Match fordern, dass die Anerkennung vereinheitlicht wird. Dazu sollte es eine Anpassungsmaßnahme, Prüfungen und einheitliche Sprachvorgaben für alle oder für ausgewählte Herkunftsländer geben. Hierfür ist eine zentrale Anerkennungsbehörde mit ausreichend Personal erforderlich. Außerdem sollten wir grundsätzlich unsere Wertschätzung gegenüber internationalen Pflegekräften zum Ausdruck bringen und sie jederzeit willkommen heißen. Denn es nicht selbstverständlich, dass jemand seine Heimat und oft auch Familie zurücklässt, um hierzulande Kranke und Alte zu pflegen.

Was sind die größten Denkfehler von Einrichtungen, wenn es um die Anwerbung und Integration von internationalen Mitarbeitern geht?

Viele Gesundheitseinrichtungen denken immer noch, dass es nur auf die formale Anerkennung ankommt und Integration dann ein Selbstläufer ist. Das ist ein fataler Irrtum! Und das führt schnell zum Scheitern von Anwerbeprojekten. Es ist enorm wichtig, dass einerseits die deutsche Sprache intensiv eingeübt wird und andererseits jemand im Unternehmen ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der internationalen Fachkräfte hat. Sie wollen – zu Recht – vor allem Respekt und soziale Anerkennung.

Mit der Praxis, Politik und Projekten zu internationalen Pflegekräften beschäftigt sich die Initiative Match in ihrem kostenlosen Online-Event am Mittwoch, 29. Juni. Von 9 bis 13 Uhr gibt es Vorträge und Debatten. Ein Panel mit Vertretern von Einrichtungen diskutiert die Probleme bei Anwerbung und Anerkennung aus ihrer Sicht. Ein weiteres Podium mit Bundestagsabgeordneten von SPD, Grünen, CDU und FDP debattiert Unterstützung und Erleichterungen durch die Politik. Auch Pflegekräfte kommen zu Wort, ebenso wie die Arbeitsagentur und Organisationen. Last-Minute-Anmeldungen: Match-Pflege

Was müssen die Einrichtungen noch wissen und beachten, wenn sie Mitarbeiter aus dem Ausland beschäftigen wollen?

Zunächst muss klar sein, dass die Anwerbung und Integration ein Dauerlauf und kein Sprint ist. Für gewöhnlich dauert es zwischen 18 bis 24 Monaten, bis ein Projekt erfolgreich die ersten ausländischen Fachkräfte hervorbringt. Zwingend erforderlich ist, dass für die gesamte Zeit verantwortliche Personen beziehungsweise Mentoren in der Einrichtung bestimmt sind, die sich um die neuen Kollegen kümmern. Außerdem ist die Anwerbung mit hohen Kosten für die Rekrutierung verbunden, so dass durch eine nachhaltige Prozessgestaltung vorzeitige Abbrüche vermieden werden sollten. Dass vereinzelt eine Pflegefachkraft das Unternehmen verlässt, sollte mit einbezogen werden, wie bei deutschen Fachkräften eben auch.

Wie sollten Einrichtungen diesen Prozess starten?

Zunächst muss im Unternehmen die Entscheidung für eine Anwerbung im Ausland von der Geschäftsleitung und auch von den Teams auf den Stationen getragen werden. Einrichtungen sollten sich dann an einen staatlichen oder vertrauenswürdigen privaten Personaldienstleister wenden. Für letztere gibt es seit 2021 das Gütesiegel Faire Anwerbung Pflege Deutschland, welches Orientierung auf dem sonst sehr unübersichtlichen Markt bietet.

Wie lange dauert der Prozess von der Ansprache eines Bewerbers bist zur Anerkennung seiner beruflichen Qualifikation?

Die sprachliche Qualifizierung im Heimatland auf dem Sprachniveau B1 oder gar B2 dauert rund ein Jahr. Häufig kümmern sich die Fachkräfte schon auf eigene Initiative um das Sprachenlernen, bevor überhaupt ein Bewerbungsgespräch stattgefunden hat. Von dort an dauert etwa drei bis neun Monate bis zum Visum und nach Einreise nochmals neun bis 15 Monate bis zur Anerkennung als Fachkraft.

Welche Voraussetzungen sollten die internationalen Pflegekräfte mitbringen?
Wir empfehlen sehr, dass die Kandidaten mindestens B1-Deutschkenntnisse mitbringen sollten, um als Hilfskräfte im Anerkennungsverfahren bereits ausreichend sicher mit den Kollegen und Patienten kommunizieren zu können. Für das richtige Matching sollten sie außerdem eine gute Vorstellung vom Berufsbild in der Akutpflege und Langzeitpflege in Deutschland haben und bereit sein, die nötigen Anpassungsmaßnahmen zu durchlaufen.

Ihr Unternehmen Lingoda bietet Sprachkurse an. Wie viele Gesundheitskräfte haben bei Ihnen schon Deutschkurse durchlaufen und wie hat sich die Nachfrage in jüngster Zeit entwickelt?

Lingoda ist eine der größten Online-Sprachschulen weltweit und bietet geförderte Sprach- und Vorbereitungskurse mit Kenntnisprüfung speziell für die Pflege in Deutschland an. Dies funktioniert ausgezeichnet im Zusammenspiel mit der Förderung der Bundesagentur für Arbeit. Wir starten aktuell jeden Monat mit 100 und mehr Teilnehmenden die sprachliche und fachliche Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung in Deutschland.

Mit welchen Nationalitäten machen Sie die besten Erfahrungen?

Seit der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes im Jahr 2013 haben wir besonders gute Erfahrungen mit philippinischen Fachkräften gemacht, ebenso wie mit Fachkräften aus Mexiko und Brasilien. Traditionell starke Herkunftsländer sind weiterhin die Länder des Westbalkans aufgrund ihrer geographischen Nähe zu Deutschland. Die Fachkräfte von dort integrieren sich häufig auch sprachlich und kulturell schneller als aus anderen Ländern.

Sind Ihre Sprachkurse speziell auf den Pflegesektor ausgerichtet?

Auf jeden Fall. Nach den B2-Sprachkursen setzen wir bei den Vorbereitungskursen in der Pflege auf pflegespezifische Fachsprachen-Module. Dabei haben wir auch die neue Fachsprachenprüfung in der Pflege im Blick, welche ab 2023 in einigen Bundesländern greifen wird.

Wer bezahlt die Sprachkurse der Fachkräfte aus dem Ausland?

Die Sprachkurse zum Erwerb des B2-Niveaus und folgende Sprachausbildungen sind Teil der Anpassungsmaßnahme und werden daher von der Bundesagentur für Arbeit gefördert. Der Spracherwerb im Heimatland wird entweder privat oder mit Hilfe der Agentur oder des zukünftigen Arbeitgebers finanziert. Die Förderung der Kurskosten erfolgt über den örtlichen Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit, die auch die Gesundheitseinrichtungen betreuen. Dort können Bildungsgutscheine nach §§ 81, 82 SGB III beantragt werden. Die Arbeitsagentur kann zum einen die Förderung der Bildungsmaßnahme übernehmen und zum anderen auch die nötigen Freistellungskosten während des Kurses tragen, beispielsweise für Lernzeiten.

Robert Mittelstädt ist von Hause aus Anwalt in Berlin. Er war lange Zeit Verbandsjurist in der Altenpflege und arbeitet nun für den Bildungsträger Lingoda. Als Co-Initiator hat der 42-Jährige die Initiative Match mit ins Leben gerufen, die sich die verbesserte Anerkennung und Integration internationaler Gesundheitsfachkräfte zum Ziel gesetzt hat.

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