Hartmann

TÄGLICHE NEWS FÜR DAS MANAGEMENT VON PFLEGE UND WOHNEN IM ALTER

6. Oktober 2022 | 20:58 Uhr
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Mailen

"Ohne Reform wird Pflege nicht mehr stattfinden"

Mit drastischen Worten malte Christine Vogler (Foto), Präsidentin des Deutschen Pflegerats, auf dem Deutschen Pflegetag das Ende der professionellen Pflege an die Wand, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändere. Die Pflege sei kein Anhängsel der Ärzteschaft, sondern ein eigener Berufsstand, dem allerdings die Strukturen fehlten. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte in seiner Rede außer Lob, Zuspruch und Versprechungen wenig Konkretes mitgebracht.

Vogler Christine Präsidentin Deutscher Pflegerat Foto Gudrun Arndt.jpg

Christine Vogler kämpft für die Selbstverwaltung der Profession Pflege

So ging der Minister auf Meldungen ein, dass der vom Bund verabschiedete Pflegebonus bei vielen Beschäftigten nicht angekommen sei. "Das steht Ihnen zu, ich kann Ihnen versichern, das werden wir nicht dulden", sagte Lauterbach, "Wir werden dafür sorgen, dass jeder, dem der Pflegebonus zusteht, ihn auch bekommt." Wie und wann, blieb allerdings unklar. Genauso, wie und wann der Minister die Reform des Gesundheitswesens anpacken will.

"Menschen können verhungern und verdursten"

Dass keine Zeit mehr sei, noch Jahre hinter verschlossenen Türen zu diskutieren, machte Pflegerats-Präsidentin Vogler deutlich. Sie warf dem Minister vor, die Fachleute aus der Pflege bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform auszuschließen. "Professionelle Pflege in Deutschland ist auf dem Stand der Emanzipations- und Frauenbewegung 1900." Mitspracherechte würden verweigert und Autonomie verhindert.

"Wenn professionelle Pflege durch den ernsthaften und wirklichen Entschluss, das Gesundheitssystem zu reformieren, jetzt keine Unterstützung bekommt, wird Pflege nicht mehr stattfinden", mahnt Vogler. "Menschen könnten verhungern, verdursten und im besten Fall nur von sozialer Teilhabe ausgeschlossen sein", wenn der ambulante Pflegedienst nicht mehr komme. Angehörige müssten Pflegebedürftige in der Familie selbst versorgen, weil man sie in keinem Heim mehr unterbringen könne. Pflege werde so eine Frage von arm und reich.

Pflege handelt nicht auf Ansage von Ärzten

Um dieses Szenario zu verhindern und dem Pflegenotstand zu begegnen, stellt Vogler vier zentrale Forderungen auf:

  • Befugnisse: Pflege sei laut Grundgesetz ein professioneller Heilberuf. Doch ihre Kompetenz und Professionalität könne sie nur eingeschränkt ausüben. Die Bevölkerung und auch Ärzte glaubten immer noch, Pflege handele auf ärztliche Ansage. "Das ist absurd", sagt Vogler. Wenn das so sein solle, bräuchte man nur Pflegeassistenten. Pflege sei aber eine eigene Berufsgruppe, die zusammen mit anderen die Gesundheitsversorgung sichern könne. Das geplante Heilberufegesetz könne ein Garant dafür sein, das Pflege- und Therapieberufe auf Augenhöhe zusammenarbeiteten.
  • Mündigkeit: "Der Pflege wird immer vorgeworfen, wir würden es nicht schaffen, uns zu organisieren", so Vogler. Das sei ein Irrtum, man habe keine Strukturen dafür. Die müssten mit den Pflegekammern endlich geschaffen werden. "Wir brauchen die Selbstverwaltung von Pflege in allen Bundesländern", fordert Vogler. Es gehe auch nicht darum, was die Pflege wolle, sondern was für die Versorgung in Deutschland nötig sei." Andere Länder seien hier wesentlich weiter.
  • Arbeitsbedingungen: "Im Alltag sind Verletzungen des pflegerischen Anspruchs zur Normalität geworden", berichtet Vogler. Mangels Zeit würden dann Körperpflege, Lagerung oder das Reichen von Nahrung nicht mehr so ausgeführt, wie es sein solle. "Der Hauptgrund, den Beruf zu verlassen, liegt darin, dass die Patientenversorgung unter der Personalknappheit nicht mehr so erfolgt wie erforderlich", sagt Vogler. "Viele Kollegen gehen mit Leidenschaft rein und mit Schmerz raus, nicht wegen des Berufs, sondern wegen der Bedingungen."
  • Bildung: Wer den Pflegeberuf attraktiv machen wolle, der müsse bundeseinheitliche Bildungsstrukturen und Karrierechancen schaffen. "Es herrscht Bildungschaos in der Pflege", so Vogler, "Absprachen zur Vereinheitlichung in den Bundesländern existierten nicht." Die viele Sonderwege der Abschlüsse höhlten das Pflegeberufegesetz aus. Es sei die Verantwortung der Bundesregierung, zusammen mit dem Pflegerat und den Pflegekammern einen Bildungsarchitektur zu schaffen. Dringend notwendig seien auch Studiengänge und Forschung, um talentiertem Nachwuchs Karriereperspektiven zu geben.

Der Deutsche Pflegetag findet an diesem Donnerstag und Freitag in Berlin statt. Vor Ort sind mehr als 5.000 Teilnehmer angemeldet, online verfolgen weitere 1.000 die Vorträge und Diskussionen. Veranstalter ist der Deutsche Pflegerat, ein Zusammenschluss von Pflegeverbänden. Dazu zählen neben dem Deutschen Pflegeverband unter anderem der Bundesverband Pflegemanagment, der Deutsche Hebammenverband, die Schwesternschaften des DRK oder die Gesellschaft für Pflegewissenschaft.

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