Pflegeforscher kritisiert betreutes Wohnen als "Melkmodell"
Der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang (Foto) von der Universität Bremen wirft Anbietern von betreutem Wohnen vor, die Sozialversicherungen systematisch stärker zu belasten als klassische Pflegeheime. Durch die Kombination mehrerer ambulanter Leistungen entstünden deutlich höhere Ausgaben, ohne dass ein gesicherter Qualitätsgewinn erzielt würde. Während das betreute Wohnen boomt, stagniert die stationäre Pflege. Im Interview mit dem MDR sagte Rothgang, es handele sich teilweise um "Geschäftsmodelle, um die Sozialversicherungen zu melken".
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Heinz Rothgang: Beim betreuten Wohnen liegen die von den Sozialversicherungen gezahlten Leistungen in Summe doppelt so hoch wie bei der Heimpflege
Aus ökonomischer Sicht ist das Pflegeheim die günstigste Versorgungsform, sagt der Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am Socium Forschungszentrum der Universität Bremen im Interview mit dem MDR. Die Wege sind kurz, das Personal ist gebündelt und die Abläufe sind optimiert. Für die Pflegeversicherung sind Menschen, die zu Hause nur Pflegegeld beziehen, dagegen am billigsten, da Angehörige unbezahlt mitarbeiten. Der Wert dieser informellen Pflege liege bei rund 200 Milliarden Euro jährlich, so der Pflegeökonom, der vielen in der Altenpflegebranche durch die von ihm entwickelte neue Personalbemessung (PeBeM) bekannt ist.
Rothgang spricht von Stapeleffekten beim betreuten Wohnen
Er sieht den starken Ausbau von betreutem Wohnen und Servicewohnanlagen kritisch. Viele Projekte ähneln baulich klassischen Heimen, firmieren aber als ambulante Settings. Gegenüber dem MDR sagt Rothgang: "Dadurch lassen sich mehrere Leistungen kombinieren: ambulante Sachleistungen, Tagespflege, häusliche Krankenpflege." In Summe lägen die von den Sozialversicherungen gezahlten Leistungen dann doppelt so hoch wie bei der Heimpflege. Investoren hätten das erkannt. "Die Anlage sieht aus wie ein Heim, nur mit Klingelschildern."
Rothgang spricht von "Stapelleistungseffekten" und bezeichnet Teile des Marktes als Geschäftsmodell, um "mehr Geld aus dem System rauszuholen". Diese Kombination sei legal, aber ursprünglich nicht so gedacht gewesen. Die Tagespflege sollte Angehörige entlasten und nicht dazu dienen, Vergütungsstrukturen zu optimieren. Vergleichende Daten zu klaren Qualitätsindikatoren gibt es kaum. Ob betreutes Wohnen zu einer besseren Versorgung führt, ist nicht belastbar belegt.
Plädoyer für einheitlich definierte Pflegeleistungen mit festen Preisen
Der Pflegewissenschaftler plädiert für eine "sektorenfreie Versorgung". Einheitlich definierte Pflegeleistungen mit festen Preisen, die unabhängig davon gelten, ob jemand in einer Wohnung, einer WG oder einem Heim lebt. "Wir regulieren uns zu Tode", sagt Rothgang mit Blick auf die getrennten Ordnungs- und Leistungsrechte für ambulante und stationäre Versorgung.
Für die Branche ist die Debatte brisant. Während klassische Heime unter steigenden Eigenanteilen, hohen Bauauflagen und Personalschlüsseln leiden, gilt betreutes Wohnen als weniger reguliert und wirtschaftlich attraktiver. Genau hier setzt Rothgangs Kritik an – er fordert eine grundlegende Neuordnung der Finanzierung.
In Deutschland gelten mehr als sechs Millionen Menschen als pflegebedürftig. Gleichzeitig fehlen zehntausende Pflegekräfte und die Pflegeversicherung schreibt Milliardendefizite. Für Rothgang ist die Lage "dramatisch". Die Eigenanteile im Heim liegen im ersten Jahr inzwischen bundesweit bei rund 3.200 Euro. "Das nenne ich Systemversagen", sagt Rothgang.