Warum die Televisite so schwer in Gang kommt
Die Vorteile der Televisite liegen auf der Hand: Sie verbessert die medizinische Versorgung, erspart Bewohnern überflüssige Fahrten in die Klinik und verleiht Pflegefachkräften Sicherheit. Trotzdem ist sie wenig verbreitet. Woran liegt das? An der Politik, aber auch an den Betreibern, meint der Anästhesist Michael Czaplik (Foto) im Interview mit Care vor9. Mit seinem Unternehmen Docs in Clouds Tele Care begleitet er seit 2013 Pflegeeinrichtungen bei der Einführung von Televisiten.
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Stabiles W-Lan, ein paar engagierte Ärzte und 20 Prozent motivierte Pflegefachkräfte – das seien die wichtigsten Voraussetzungen für die Televisite, meint Michael Czaplik
Herr Professor Czaplik, fangen wir ganz vorne an: Wie funktioniert Telemedizin im Altenheim?
Wir sprechen nicht von Telemedizin, sondern von Televisite. Das ist ein entscheidender Unterschied. Telemedizin klingt nach technischer Fernbehandlung. Televisite bedeutet eine strukturierte, ärztliche Visite auf fachlicher Ebene – nur eben digital unterstützt. Der Arzt spricht mit der Pflegefachkraft, bei Bedarf mit dem Bewohner, erhebt gezielt Befunde, trifft eine medizinische Entscheidung und dokumentiert sie sauber. Es handelt sich nicht um eine Hotline oder um einen Video-Call, mehr oder weniger aus Verlegenheit. Eine Pflegevisite ist eine vollwertige ärztliche Leistung mit klarer Verantwortung und nachvollziehbarer Dokumentation.
Welche medizinischen Geräte muss ein Pflegeheim dafür vorhalten?
Das hängt vom medizinischen Anspruch der Einrichtung ab. Ein Pflegeheim mit stark geriatrischem Fokus, das also strukturiert altersmedizinisch arbeitet, benötigt andere diagnostische Möglichkeiten als eine Einrichtung, die regelmäßig fachärztliche Expertise einbindet. Aber die Hardware steht gar nicht so sehr im Zentrum. Entscheidend ist die strukturierte, forensisch sichere Dokumentation der Visite. Bei medizinischen Entscheidungen ist es wichtig, sauber zu dokumentieren – für das Pflegeheim, den Arzt und die Kostenträger. Ohne diesen Standard ist jede Technik wertlos.
Wer führt die Televisite praktisch durch? Ist das die Aufgabe der Pflegefachkraft?
Operativ ist die Pflege der Ankerpunkt. Sie stellt den Kontakt her, übermittelt Befunde, führt delegierbare Tätigkeiten aus. Die medizinische Verantwortung liegt aber beim Arzt, denn er trifft die Entscheidung. Die wichtigere Frage für jede Einrichtung lautet: Wo ist mein betrieblicher Schmerz? Habe ich Probleme mit ungeplanten Krankenhauseinweisungen? Mit schlechter Erreichbarkeit von Ärzten? Mit Eskalationen am Wochenende? Mit Dokumentationslücken? Televisite ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Instrument zur Lösung konkreter Versorgungs- und Organisationsprobleme.
Was verändert sich durch Televisite konkret?
Die medizinische Qualität verbessert sich eindeutig. Das Berliner Modell, bei dem Heime kontinuierlich eng mit Ärzten kooperieren, zeigt klar, dass eine strukturierte ärztliche Anbindung Eskalationen reduziert. In einem unserer Projekte haben wir ein Jahr lang ausschließlich regelmäßige Televisiten durchgeführt – ohne Notfallfokus. Ergebnis: Es gab 36 Prozent weniger Krankenhauseinweisungen. Das zeigt, dass Prävention durch Struktur funktioniert. Zweitens tragen Televisiten auch zur Versorgungssicherheit bei. Wenn es mir möglich ist, frühzeitig zu beurteilen, ob sich ein Zustand verschlechtert, kann ich reagieren, bevor es kritisch wird. Und last but noch least verbessert sich auch die Wirtschaftlichkeit. Denn es gibt weniger Transporte, weniger Klinikaufenthalte, weniger unnötige Eskalationen. Mit Televisite sparen Heime, Kassen und das Gesamtsystem Geld.
Kann man auf Grundlage einer Televisite auch Erkrankungen erkennen oder behandeln wie eine Harnwegsinfektion, die in vielen Heimen oft noch Grund für eine Krankenhauseinweisung ist?
Ja. Sehr gut sogar. Man kann differenziert beurteilen: Ist es behandlungsbedürftig? Ist es akut gefährlich? Reicht Beobachtung? Und ein entscheidender Vorteil: Ich kann zwei Stunden später erneut evaluieren. Diese Möglichkeit der kurzfristigen Re-Evaluation erhöht die Sicherheit enorm. Gerade bei älteren, multimorbiden Patienten ist es oft wichtiger die Dynamik als einen einzelnen Zeitpunkt zu betrachten.
Wie verbreitet ist Televisite aktuell?
Eigentlich ist es ein No-Brainer, die Vorteile leuchten unmittelbar ein. Trotzdem dauert die flächendeckende Umsetzung. Warum? Weil viele Akteure es falsch angehen. Es wird als Technikprojekt gestartet, nicht als Versorgungsprojekt. Hinzu kommen Finanzierungsfragen, Selektivverträge und die strukturelle Trennung zwischen SGB V, also Krankenversicherung, und SGB XI, der Pflegeversicherung. Auch die Telematikinfrastruktur ist nicht so schnell, wie sie sein sollte. Es mangelt also nicht an Bedarf. Es fehlt eine saubere Strukturierung.
Man hört tatsächlich immer wieder von Pflegeheimen, die versucht haben, die Televisite zu etablieren und dann doch wieder zurückgerudert sind. Was sind häufige Anfängerfehler?
Der größte Fehler ist, nicht auf die Voraussetzungen zu schauen: Wenn es kein stabiles W-Lan gibt, keine engagierten Ärzte, keine motivierten Pflegefachkräfte – dann scheitert das Projekt. Man braucht zwei bis drei Pflegefachkräfte, die wirklich Lust haben, es auszuprobieren. 20 Prozent Engagierte reichen, um die restlichen 80 Prozent mitzuziehen. Und: Man sollte nicht mit Notfällen starten. Sondern mit regelmäßigen, planbaren Visiten. Routine schafft Akzeptanz. Außerdem müssen die Ärzte aktiv eingebunden werden. Zuerst der Hausarzt, dann Fachärzte. Ohne ärztliches Commitment funktioniert es nicht.
Lohnt sich die Televisite auch, wenn nur wenige Bewohner teilnehmen?
Das eigentliche Problem ist weniger die Anzahl der Bewohner, sondern die Finanzierungsstruktur. Solange Leistungen über Selektivverträge laufen und Vergütungsmodelle uneinheitlich sind, ist Skalierung schwierig. Wenn nur zwei Bewohner teilnehmen, entsteht kein tragfähiges System. Televisite braucht Struktur, nicht Einzelfalllösungen.
Was müsste politisch passieren?
Kurzfristig müssen Investitions- und Betriebskosten – also IT, Schulung, Infrastruktur – sauber in Verhandlungsmodelle integriert werden. Hier können Landesgesetze unterstützen. Langfristig ist es wichtig, die strukturelle Trennung von SGB V und SGB XI zu überwinden. Wenn eine ärztliche Leistung erbracht wird, muss sie auch entsprechend vergütet werden – unabhängig davon, ob sie im Heim oder in der Praxis stattfindet.
Gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern?
Ja, deutliche. In Nordrhein-Westfalen läuft viel, insbesondere mit der AOK. Auch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind aktiv. Baden-Württemberg punktuell. Niedersachsen hat Förderprogramme. Die Kosten liegen bei etwa fünf bis zehn Euro pro Bewohner und Monat. Entscheidend ist, die Kassenärztlichen Vereinigungen einzubinden. Ohne sie gibt es keine nachhaltige Lösung.
Sind andere Länder weiter als Deutschland?
Ja, was die Skalierung betrifft, definitiv. Deutschland ist jedoch stark in der rechtlichen Absicherung. Unsere Televisiten sind vollständig dokumentiert, rechtssicher und über Schnittstellen in bestehende Systeme integriert. Pflegeheim und Arzt arbeiten mit identischen Protokollen. Das ist kein improvisierter Videoanruf. Das ist strukturierte, integrierte Versorgung.
Verändert das Pflegebefugnisgesetz, das BEEP, die Situation?
Es wird helfen. Die generalistische Ausbildung und die erweiterten Kompetenzen stärken die Pflege. Televisite passt gut in dieses Modell, weil sie Zusammenarbeit auf Augenhöhe fördert.
Was meinen Sie: Wann wird die Televisite Standard sein?
Ich habe vor 20 Jahren begonnen, am Thema Telenotarzt zu arbeiten – seinerzeit in Forschungsprojekten. Es hat acht Jahre gedauert bis zur ersten Regelnutzung, trotz positiver Studienlage und ist nun – 13 Jahre später immer noch nicht flächendeckend etabliert. Das zeigt, dass Innovation im Gesundheitssystem Zeit braucht. Optimistisch betrachtet sehe ich dennoch in drei bis fünf Jahren eine Marktdurchdringung von Televisiten in etwa 20 Prozent der Einrichtungen. Die Nachfrage steigt spürbar. Aber nur, wenn wir Televisite nicht als Technik verkaufen – sondern als strukturelle Verbesserung der Versorgung.
Interview: Kirsten Gaede/Magdalena Laßmann