Warum Leitungswechsel eine Insolvenz auslösen können
Insolvenzen in der Pflege haben viele Ursachen – doch ein Faktor wird oft unterschätzt: der Wechsel in der Einrichtungsleitung. Anja Sakwe Nakonji (Foto) von der Betriebs- und Managementberatung Terranus erklärt im Interview mit Care vor9, wie nach dem Weggang einer beliebten Einrichtungsleitung schnell eine Abwärtsspirale entstehen kann – und warum sie oft zu spät erkannt wird.
Terranus/Bernd Arnold
"Es fängt oft mit Unzufriedenheit im Team an", sagt Anja Sakwe Nakonji
Frau Sakwe Nakonji, Ihre Beratung Terranus übernimmt häufig das Interimsmanagement nach Insolvenzen. Woran scheitern Pflegeeinrichtungen aus Ihrer Sicht?
Wenn man auf den Punkt der Insolvenz schaut, dann ist das immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Es gibt selten die eine Ursache. Und: Insolvenzen entstehen nicht über Nacht. Meist gibt es eine längere Phase davor – eine Art Leidensweg. Wir werden ja oft gerufen, wenn es schon schwierig ist. Und dann sehen wir häufig: Da ist etwas ins Rutschen geraten, das sich über Monate aufgebaut hat.
Was beobachten Sie dabei besonders häufig?
Ein klassischer Auslöser ist tatsächlich ein Wechsel in der Einrichtungsleitung. Da geht jemand, der vielleicht viele Jahre im Haus war, das Team gut kannte, Vertrauen aufgebaut hatte. Und dann kommt jemand Neues – und plötzlich entsteht ein Bruch. Gerade in größeren Trägerstrukturen fällt das zunächst gar nicht so auf. Aber vor Ort beginnt oft relativ schnell eine Abwärtsspirale. Und die dreht sich dann immer schneller.
Wie sieht diese Abwärtsspirale konkret aus?
Es fängt oft mit Unzufriedenheit im Team an. Dann steigen die Krankenstände. Mitarbeiter gehen – und finden sofort neue Jobs. Das ist heute kein Problem mehr. Am Ende leidet die Pflegequalität, weil das Team überlastet ist oder verstärkt mit Zeitarbeit gearbeitet wird. Gleichzeitig sinkt die Belegung, weil weniger Bewohner aufgenommen werden können. Und dann greifen die wirtschaftlichen Probleme. Diese Entwicklung geht heute viel schneller als früher. Deshalb muss das Management sehr nah dran sein.
Warum geht das heute schneller?
Der Bruch an sich ist nichts Neues. Aber die Geschwindigkeit hat sich verändert. Früher sind viele geblieben, auch wenn nicht alles ideal war. Heute ist die Wechselbereitschaft deutlich höher – in allen Branchen, aber besonders in der Pflege.
Wird das von den Trägern unterschätzt?
Ich glaube, grundsätzlich ist das allen bewusst. Aber oft wird die Lage in der eigenen Einrichtung anders eingeschätzt. Gerade bei großen Trägern mit vielen Einrichtungen ist das schwierig. Wenn ich 50 Häuser im Blick behalten muss, erkenne ich Probleme oft erst über Kennzahlen – zum Beispiel, wenn die Belegung sinkt. Und dann ist schon viel Zeit verloren. Vor Ort kann sich in dieser Zeit längst eine Dynamik entwickelt haben. Wenn Unzufriedenheit im Team um sich greift, verstärkt sich das gegenseitig. Und das wieder einzufangen, ist dann sehr aufwendig.
Was läuft bei einem Leitungswechsel konkret schief?
Es geht weniger um klassische "Fehler". Oft ist es einfach so, dass eine neue Leitung anders ist. Nehmen wir das Thema Einspringen: Eine neue Leitung sagt vielleicht, das soll gerechter verteilt werden, nicht immer dieselben. Das ist erstmal sinnvoll. Aber es bedeutet auch, dass sich Gewohnheiten und Routinen ändern. Das ist dann für manche Mitarbeiter ein Einschnitt. In Pflegeteams gibt es häufig viel persönliche Dynamik. Das sollte man nicht unterschätzen. Deshalb passt auch nicht jede Führungskraft in jedes Haus.
Das heißt: Es geht weniger um fachliche Fehler als um Beziehungsebene?
Nicht immer, aber das ist ein wichtiger Aspekt. Die zentrale Frage ist: Wie gut gelingt es, die Mitarbeiter mitzunehmen? Habe ich eine Beziehung aufgebaut, die auch schwierige Phasen trägt. Klassische Managementfehler – etwa im Controlling oder im Forderungsmanagement – spielen natürlich auch eine Rolle. Aber die liegen auf einer anderen Ebene. Beim Leitungswechsel geht es vor allem um Führung im Alltag.
Was macht die Situation zusätzlich schwierig?
Manchmal gehen mehrere Schlüsselpersonen gleichzeitig. Oder die neue Einrichtungsleitung und die vorhandene Pflegedienstleitung harmonieren nicht. Dann entstehen schnell Dynamiken, die man aus dem Privaten kennt: Mitarbeiter spielen die eine gegen die andere Seite aus. Und: Es kommen oft sehr junge Führungskräfte in diese Rollen, die noch nicht viel Erfahrung haben im Umgang mit ungewöhnlichen Situationen. Und die gibt es in der Pflege ständig! Da braucht man manchmal ein dickes Fell und muss auch Nein sagen und Kritik einstecken können. Das muss man aushalten.
Was raten Sie neuen Führungskräften konkret?
Nicht mit der Axt durchs Haus gehen. Wir kennen das aus dem Interimsmanagement: Wenn wir kommen, sind alle erstmal skeptisch. Deshalb sagen wir: Wir schauen uns zuerst an, was gut läuft – und das lassen wir auch so. Es bringt nichts, sofort alles verändern zu wollen. Ein Leitungswechsel ist kein Sprint, sondern eher ein Dauerlauf. Man muss priorisieren, Ruhe bewahren und dranbleiben. Und ganz wichtig: Veränderungen brauchen gutes Timing. Gerade bei sensiblen Themen wie Dienstplänen oder Regelungen fürs Einspringen.
Das heißt: Ein Leitungswechsel ist immer ein Risiko?
Ja, auf jeden Fall. Es ist eine kritische Phase – und wenn sie nicht gut begleitet wird, kann daraus sehr schnell eine Entwicklung entstehen, die am Ende auch wirtschaftlich gefährlich wird.
Das Interview führte Kirsten Gaede