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14. April 2026 | 07:00 Uhr
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Mit Design Thinking Fehlinvestitionen vorbeugen

Es passiert immer wieder, dass Unternehmen viel Geld für Dinge ausgeben, die am Ende nicht genutzt werden. Design Thinking soll genau das verhindern. Doch was steckt hinter dem Begriff? Es handelt sich um eine Methode, bei der Führungskräfte auf kreative Weise gemeinsam mit Mitarbeitern Lösungen entwickeln. Warum Post-its dabei eine zentrale Rolle spielen und wie Einrichtungen davon profitieren können, erklärt Steffen Ritter, ein auf Altenpflege spezialisierter Kommunikationsberater, in einem Gastbeitrag.

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Design Thinking klingt für viele nach Kreativ-Workshop mit bunten Zetteln. Tatsächlich steckt dahinter eine strukturierte Methode, um komplexe Probleme systematisch zu lösen – auch in der Pflege. Entwickelt wurde der Ansatz in den USA, in Deutschland verbreitete ihn unter anderem das Hasso-Plattner-Institut. Ziel ist es, Ideen nicht dem Zufall zu überlassen, sondern Kreativität in geordnete Bahnen zu lenken.

Im Kern geht es darum, Lösungen konsequent vom Bedarf der Nutzer her zu denken: von Bewohnern, Angehörigen und Mitarbeitern. Gerade in der Pflege ist das ein entscheidender Perspektivwechsel. Denn viele Entscheidungen – etwa zur Digitalisierung, zu Prozessen oder neuen Angeboten – entstehen bislang eher top-down. Design Thinking kehrt diesen Ansatz um.

Alle an einem Tisch: Pflegekräfte, Leitung und Verwaltung

Entgegen einem verbreiteten Missverständnis hat Design Thinking nichts mit planlosem Brainstorming zu tun. Die Methode folgt einem klaren Ablauf mit sechs Phasen: Verstehen, Beobachten, Synthese, Ideen entwickeln, Prototypen bauen und testen. Diese Schritte greifen ineinander und führen Teams von der Definition des Problems bis zur Lösung.

Das Besondere: Unterschiedliche Berufsgruppen arbeiten gemeinsam an einer Fragestellung. Pflegekräfte, Leitung, Verwaltung oder Auszubildende bringen ihre Perspektiven ein. Gerade diese Vielfalt ist gewollt – sie sorgt dafür, dass Probleme ganzheitlich betrachtet werden. Studien zeigen, dass in Unternehmen bis zu 95 Prozent der kreativen Potenziale ungenutzt bleiben. Design Thinking setzt genau dort an.

Warum Post-its keine reine Spielerei sind 

Die bunten Haftzettel sind dabei kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Werkzeug. Sie ermöglichen es, dass sich alle Beteiligten einbringen – auch diejenigen, die sich in großen Runden sonst nicht zu Wort melden würden. Ideen werden zunächst anonym aufgeschrieben, ohne sich direkt äußern zu müssen. Das senkt Hemmschwellen und erhöht die Beteiligung.

Anschließend lassen sich die Zettel flexibel anordnen, clustern und gewichten. So entstehen Muster: Welche Themen tauchen häufig auf? Was ist besonders wichtig? Wo liegen die größten Probleme? Dieser visuelle Prozess macht komplexe Zusammenhänge greifbar und hilft, Prioritäten zu setzen.

Design Thinking hilft auch bei der Suche nach passender Software

Design Thinking eignet sich überall dort, wo Einrichtungen vor Veränderungen stehen oder neue Lösungen suchen. Typische Anwendungsfelder sind die Organisationsentwicklung, Personalgewinnung, Onboarding-Prozesse oder die Gestaltung digitaler Anwendungen. Auch bei der Frage, welche Software wirklich gebraucht wird, kann die Methode helfen.

Denn ein häufiges Problem ist, dass Einrichtungen teure Systeme anschaffen, die später kaum genutzt werden. Design Thinking dreht die Reihenfolge um: Erst wird der Bedarf geklärt, dann die Lösung entwickelt. Das spart Ressourcen und erhöht die Akzeptanz.

Auch bei Konflikten oder festgefahrenen Strukturen kann der Ansatz wirken. In Einrichtungen mit häufig wechselnden Leitungen etwa stauen sich oft ungelöste Probleme an. Werden diese im Rahmen eines Design-Thinking-Prozesses offen gesammelt und strukturiert, lassen sich neue gemeinsame Lösungen entwickeln. Alle Beteiligten werden gehört, was die Identifikation stärkt.

Einfach mal etwas ausprobieren  

Ein weiterer Vorteil liegt in der Geschwindigkeit. Statt lange Konzepte zu entwickeln, werden Ideen früh ausprobiert. Prototypen müssen nicht perfekt sein – entscheidend ist, dass sie getestet werden. Funktioniert etwas nicht, wird es angepasst. Dieses iterative Vorgehen reduziert das Risiko von Fehlentscheidungen.

Gleichzeitig fördert die Methode eine Kultur, in der auch Scheitern erlaubt ist. Fehler werden nicht versteckt, sondern als Teil des Lernprozesses verstanden. Für viele Organisationen ist das ein grundlegender Kulturwandel.

Mitarbeiter erleben, dass ihre Ideen gefragt sind

Am Ende geht es bei Design Thinking nicht nur um bessere Lösungen, sondern auch um bessere Zusammenarbeit. Wenn Mitarbeiter erleben, dass ihre Ideen gefragt sind und umgesetzt werden, steigt die Motivation. Führungskräfte wiederum gewinnen neue Einblicke in die Praxis.

Für die Pflegebranche, die vor großen strukturellen und personellen Herausforderungen steht, kann dieser Ansatz ein wichtiger Hebel sein. Nicht, weil er alle Probleme löst – sondern weil er hilft, die Potenziale im eigenen Haus besser zu nutzen.

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Steffen Ritter ist Gründer und Geschäftsführer der Berliner Beratungsagentur "Fokus-p Die Kommunikationsagentur für die Pflege- und Betreuungswirtschaft"