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15. August 2026 | 17:16 Uhr
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Akademisierung wird langsam auch für Altenpflege ein Thema

Akademisch ausgebildete Pflegekräfte kennt man bislang vor allem aus Kliniken und der Forschung. In Pflegeheimen spielen sie kaum eine Rolle. Compassio wagt nun einen kleinen ersten Schritt: Der fünftgrößte Pflegeheimbetreiber Deutschlands unterstützt erstmals eine Pflegefachkraft bei einem berufsbegleitenden Bachelorstudium und wird Praxispartner des Bachelorstudiengangs "Evidence Based Nursing" der Hochschule Neu-Ulm.

Pflegekraft Ausbildung Auszubildender Foto iStock BongkarnThanyakij

Träger in der Altenpflege sind an Akademisierungsdiskussionen oft nicht interessiert. Sie befürchten die Hürden für die Pflegausbildung würden dadurch noch höher geschraubt    

Über die Akademisierung der Pflege wird seit Jahren diskutiert. Doch es sind meistens Krankenhäuser, insbesondere Universitätskliniken, die sich hier vorwagen. Dort arbeiten Pflegekräfte mit Bachelor- oder Masterabschluss teilweise bereits in spezialisierten Funktionen. Sie übernehmen fachliche Verantwortung, begleiten komplexe Versorgungssituationen oder kümmern sich darum, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Pflegepraxis zu übertragen.

In der Altenpflege sieht es anders aus. Pflegeheime sind traditionell weiter von Hochschulen und Forschung entfernt. Gleichzeitig sind sie stärker als Kliniken darauf angewiesen, mit einem breiten Qualifikationsmix zu arbeiten, der von Pflegefachkräften über Assistenzkräfte bis zu ungelernten Beschäftigten reicht.

So sind längst nicht alle in der Branche überzeugt, dass die Altenpflege akademisch ausgebildete Pflegekräfte braucht. Während etwa der Deutsche Pflegerat seit Jahren für eine stärkere Professionalisierung und Akademisierung wirbt, setzt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) andere Prioritäten. Er befürchtet, dass sich durch eine verstärkte Akademisierung die Zugangshürden zum Pflegeberuf weiter erhöhen.

Compassio wird Praxispartner der Hochschule Neu-Ulm

Vor diesem Hintergrund fällt die Initiative von Compassio auf. Der Ulmer Betreiber mit mehr als 100 Einrichtungen und über 11.000 Pflegeplätzen wird Praxispartner des neuen berufsbegleitenden Bachelorstudiengangs "Evidence Based Nursing" der Hochschule Neu-Ulm.

Der Anfang ist allerdings ausgesprochen überschaubar: Im Seniorendomizil Haus Michael in Ulm-Böfingen erhält zunächst eine einzige Pflegefachkraft einen Studienplatz. Von einer neuen Personalstrategie für die gesamte Gruppe kann also noch keine Rede sein.

Interessant ist aber, was Compassio mit der zusätzlichen Qualifikation anfangen will. In acht Semestern sollen Pflegefachkräfte lernen, Forschungsergebnisse zu beurteilen, Probleme in der Versorgung wissenschaftlich zu analysieren und daraus Lösungen für die Praxis abzuleiten. Die ausgewählte Pflegefachkraft bleibt währenddessen in Teilzeit im Haus Michael beschäftigt. Compassio übernimmt Semesterbeitrag, Fahrt- und Übernachtungskosten und stellt sie für Praxistransfer und Datenerhebung für die Bachelorarbeit frei.

Diakonie Michaelshoven: Wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen, um Bewohnern zu helfen 

Florian Frensch aus der Compassio-Geschäftsführung begründet den Schritt mit den wachsenden Anforderungen an die Pflege. Wenn praktische Erfahrung und wissenschaftliches Arbeiten enger zusammenkämen, stärke dies die Qualität in den Einrichtungen und eröffne Fachkräften neue berufliche Perspektiven.

Compassio steht mit der Annäherung an die Hochschulwelt nicht völlig allein. Die Diakonie Michaelshoven in Köln geht einen anderen, aber verwandten Weg. Sie arbeitet mit der Uniklinik und Universität Köln zusammen, um wissenschaftliche Erkenntnisse über gesundes Altern und die Prävention von Pflegebedürftigkeit in die Praxis zu übertragen.

Geschäftsführer Christian Potthoff sieht gerade darin bislang ungenutztes Potenzial. "Es gibt in der Wissenschaft zum Thema Pflegebedürftigkeit schon viele Erkenntnisse, die in der Praxis noch nicht erprobt wurden", sagte Potthoff im Interview mit Care vor9. Die sollten genutzt werden, um Bewohnern zu helfen. In gemeinsamen Arbeitsgruppen sitzen deshalb Wissenschaftler und Mediziner mit Einrichtungs- und Pflegedienstleitungen sowie weiteren Praktikern an einem Tisch.

Dieses Beispiel zeigt gut, dass es nicht darum geht, möglichst viele klassische Pflegefachkräfte durch Hochschulabsolventen zu ersetzen. Interessant wird akademische Qualifikation, wenn ein Experte wissenschaftliche Erkenntnisse übersetzt und dafür sorgt, dass sie im Alltag der Bewohner ankommen.

Kirsten Gaede 

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