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Wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen ins Pflegeheim ziehen

Immer häufiger kommen Klienten aus der Eingliederungshilfe in ein Pflegeheim. Das bringt Probleme mit sich, denn in der Altenpflege gelten, grob gesprochen, feste Abläufe, in der Eingliederungshilfe die individuelle Begleitung. Beate van Benthum (Foto), Inhaberin einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen, kennt auch die Altenhilfe und sagt, worauf es für beide Seiten ankommt.

Bis vor sechs Jahren gab es das Problem noch nicht. "Die Klienten in der Eingliederungshilfe lebten jahrzehntelang im betreuten Wohnen oder in der Wohngemeinschaft und starben dort auch", sagt Beate van Benthum. Doch seit Inkrafttreten der dritten Reformstufe des Bundesteilhabegesetzes Anfang 2020 sind Eingliederungshilfe und Altenpflege aufgerufen, verstärkt Übergänge zu organisieren. Das bedeutet in der Praxis, dass Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen, etwa Schizophrenie, aus dem ambulant betreuten Wohnen oder einer besonderen Wohnform – früher sprach man von stationärem Wohnen oder Heim – ins Pflegeheim wechseln müssen.

Für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen kann der Wechsel aber zur Krise werden. Wer jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang, individuell betreut wurde, muss sich im Pflegeheim plötzlich an feste Abläufe gewöhnen. Er braucht oft mehr Zeit, hat ausgeprägte Gewohnheiten und reagiert empfindlich auf Veränderungen. "Doch im Pflegeheim fehlt den Mitarbeitern häufig die Zeit, darauf einzugehen. Missverständnisse und Konflikte können die Folge sein", sagt van Benthum. Die Inhaberin der Eingliederungseinrichtung Assistenz in Krefeld kennt beide Versorgungssysteme, denn sie hat früher in der stationären Langzeitpflege gearbeitet.

Situationen eskalieren leicht, wenn Information fehlt

Wie unterschiedlich die Systeme arbeiten, zeigt van Benthum an einem Beispiel: Ein Klient fühlt sich durch vermeintliche Funkstrahlen bedroht und möchte deshalb einen Regenschirm bei sich haben. In der Eingliederungshilfe würde man diesem Wunsch vermutlich nachkommen, wenn er den Betroffenen beruhigt. Im Pflegeheim könnte das Verhalten dagegen auf Unverständnis stoßen.

Solche Situationen können eskalieren, wenn Pflegekräfte die Hintergründe nicht kennen. Der Bewohner fühlt sich unverstanden, die Mitarbeiter geraten unter Druck. Dabei ließen sich manche Konflikte mit wenigen Informationen vermeiden.

Van Benthum will der Altenpflege ausdrücklich keinen Vorwurf machen. Sie kennt die hohe Arbeitsbelastung aus eigener Erfahrung. Gerade deshalb müsse die Eingliederungshilfe dafür sorgen, dass die Pflegekräfte möglichst gut auf neue Bewohner vorbereitet werden.

"Die Eingliederungshilfe hat eine Bringschuld"

Die bisherigen Betreuer wissen oft seit vielen Jahren, was einem Klienten Angst macht, was ihn beruhigt und wie er auf bestimmte Situationen reagiert. "Die Eingliederungshilfe hat eine Bringschuld", sagt van Benthum. Dieses Wissen müsse beim Wechsel in ein Pflegeheim weitergegeben werden.

Dazu gehören die Lebensgeschichte, besondere Gewohnheiten, frühere Krisen und bewährte Umgangsweisen. Was hilft bei Unruhe? Welche Situationen lösen Ängste aus? Wie gewinnt man das Vertrauen des neuen Bewohners?

Die Eingliederungsexpertin empfiehlt, diese Informationen vor dem Umzug zusammenzustellen. Eine vertraute Bezugsperson sollte den Klienten möglichst zum Aufnahmegespräch begleiten und den Pflegekräften erklären, worauf es im Alltag ankommt.

Auch Besuche nach dem Umzug hält sie für sinnvoll. Mitarbeiter aus der Eingliederungshilfe könnten den Kontakt zunächst aufrechterhalten, bis sich der Betroffene eingelebt hat. Das schaffe Sicherheit und ermögliche einen weiteren Austausch mit dem Pflegepersonal. Solche Formen der Nachbetreuung gebe es bereits vereinzelt.

Übergabebogen kann Pflegekräfte entlasten

Ein zusätzliches Problem sind die unterschiedlichen Dokumentationssysteme. Der klassische Pflegeüberleitungsbogen konzentriert sich vor allem auf körperliche Erkrankungen und pflegerische Anforderungen. Informationen über psychische Besonderheiten und bewährte Formen der Begleitung fehlen häufig.

Deshalb hat van Benthum gemeinsam mit Vertretern beider Versorgungsbereiche einen ergänzenden Übergabebogen entwickelt. Er soll die wichtigsten Informationen zur Lebensgeschichte, zu Bedürfnissen und zum Umgang mit dem neuen Bewohner übersichtlich zusammenfassen.

Die Pflegeeinrichtung könnte den Bogen bereits vor der Aufnahme an den bisherigen Träger schicken. Dieser trägt die Informationen ein, die anschließend bei einer persönlichen Übergabe vertieft werden können. Das Formular lässt sich an die jeweilige Situation anpassen und kann bei van Benthum (info@assistenz-krefeld.de) angefordert werden.

Auch Pflegeheime sollten nach Information fragen

Van Benthum sieht aber auch die Altenpflege gefordert. Pflegekräfte sollten sich die Lebensgeschichte neuer Bewohner erzählen lassen und gezielt nachfragen, wenn ihnen Verhaltensweisen unverständlich erscheinen. Nicht jede ungewöhnliche Angewohnheit müsse verändert werden. Manchmal genüge eine kleine Anpassung, um einen Bewohner zu beruhigen und Konflikte zu vermeiden. Entscheidend sei, dass beide Seiten miteinander sprechen. Die Eingliederungshilfe müsse ihr Wissen so aufbereiten, dass es unter den Arbeitsbedingungen der Altenpflege tatsächlich hilft. Die Pflegeheime wiederum sollten deutlich machen, welche Informationen sie benötigen.