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10. August 2026 | 07:00 Uhr
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Wie Pflegeheimbetreiber in Sachsen-Anhalt der AfD trotzen

Die hohen Zustimmungswerte für die AfD sind für Pflegeanbieter in Sachsen-Anhalt auch ein Personalproblem. Wie attraktiv ist ein Bundesland für Pflegekräfte aus dem Ausland, in dem eine gesichert rechtsextreme Partei mit der Landtagswahl am 6. September womöglich stärkste Kraft wird? Care vor9 hat Träger und Verbände gefragt, wie sie reagieren. Nicht wenige setzen auf Plakataktionen (Foto), manche auf Appelle an Mitarbeiter. Auffällig ist, dass die meisten dabei den Namen AfD nur ungern aussprechen.

An der Kampagne "Wer kümmert sich um dich? Menschen. Nicht Herkunft" beteiligen sich unter anderem das Evangelische Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin und das Klinikum Saalekreis 

Das Statement des Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (BAD) scheint weniger routiniert formuliert als es Antworten von Verbänden auf Presseanfragen üblicherweise sind. Es ist zu spüren: Die Situation in Sachsen-Anhalt geht dem BAD nahe. Die pflegerische Versorgung sei heute und künftig "in hohem Maße auf internationale Fach- und Arbeitskräfte angewiesen". Ein gesellschaftliches Klima, das Menschen aus dem Ausland verunsichere oder ihnen das Gefühl vermittle, nicht willkommen zu sein, könne die ohnehin angespannte Personalsituation weiter verschärfen, heißt es unter anderem.

Die AfD, die in Umfragen in Sachsen-Anhalt zuletzt bei circa 40 Prozent lag, nennt der Verband nicht. Doch die Stoßrichtung ist klar: Politischen Positionen, die auf "Ausgrenzung statt Integration" und "Abschottung statt Offenheit" setzten, begegne man mit großer Sorge. Bereits 2024 hat er deshalb die Aktion "Pflege ist bunt!" gestartet, schreibt der BAD, und sagt, für seine Mitglieder zählten kulturelle Vielfalt, Integration und Weltoffenheit.

25 Prozent aller Pflegekräfte in Sachsen-Anhalt kommt aus dem Ausland

An diesem Punkt setzt auch kürzlich gestartete Kampagne "Wer kümmert sich um dich? Menschen. Nicht Herkunft" aus Halle an. Das Studio Neue Museen – ein Unternehmen, das Ausstellungen konzipiert – hat sie ins Leben gerufen und gemeinsam mit Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen entwickelt. Auf Plakaten sind zugewanderte Beschäftigte der beteiligten Einrichtungen zu sehen. Die Botschaft: Schon heute stammen in Sachsen-Anhalt knapp 19 Prozent der praktizierenden Ärzte aus dem Ausland, bei den Pflegekräften ist es etwa jeder Vierte.

Ursprünglich war die Kampagne politischer angelegt. "Zu Beginn der Entwicklung hatten wir tatsächlich einen deutlich stärkeren Impuls, uns konkret mit den Positionen der AfD auseinanderzusetzen", sagt Caro Buchmann vom Studio Neue Museen. Als Krankenhäuser als Partner hinzukamen, habe man die Kampagne angepasst. Die AfD werde nun bewusst weder in der Pressemitteilung noch auf den Plakaten genannt. Man hoffe aber, dass die Betrachter "die Verbindung zu den aktuellen politischen Debatten und auch der AfD selbst herstellen".

Über 300 Fotos von Sachsen-Anhaltinern, die sagen: Wir wählen mit Menschlichkeit 

Zu den Unterstützern zählt das Evangelische Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin, das auch das Diakoniekrankenhaus Halle betreibt. Der Vorstandsvorsitzende Matthias Blume sieht einen direkten Zusammenhang zwischen politischer Stimmung und Personalgewinnung. In seinem Unternehmen arbeiteten Menschen aus 46 Nationen. "Eine unfreundliche Atmosphäre gegenüber Zugewanderten kann dazu führen, dass sich Menschen sehr genau überlegen, wo sie künftig arbeiten und ihre Kinder aufwachsen lassen wollen", sagt der Pfarrer, der auch eine zunehmende Feindseligkeit der AfD gegenüber den großen Kirchen feststellt.

Offensiver tritt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) auf, die selbst keine Pflegeeinrichtungen betreibt. Mit der Aktion "Herz statt Hetze" ruft sie vor der Landtagswahl dazu auf, öffentlich Gesicht für Menschenwürde, Toleranz und Vielfalt zu zeigen. Mehr als 300 Menschen haben sich bereits mit Foto und Namen beteiligt. An der Marktkirche wirbt zudem ein großes Plakat mit dem Satz "Wir wählen... mit Menschlichkeit". Wer auf der EKM-Website durch die aktuellen Meldungen klickt, stößt auf eine Meldung, bei der es einem kalt über den Rücken laufen kann: Da wird von zwei Neonazis berichtet, die in die Wohnung eines Pfarrers eingedrungen sind und dort randaliert haben.

Humanas appelliert an Mitarbeiter, bei der Wahl auf demokratische Werte zu achten

Der familiengeführte Pflegeanbieter Humanas, der mit über 20 Einrichtungen ausschließlich in Sachsen-Anhalt präsent ist, setzt auf Bildungsarbeit: Unter anderem über das Intranet appelliert er an Beschäftigte, sich an der Wahl zu beteiligen und dabei auf demokratische Werte zu achten. "Wir sagen in dem Zusammenhang auch, dass unser Unternehmen keine Menschen ausschließt und weltoffen und tolerant ist – das machen wir wohlwissend, dass es in der Belegschaft und in der Bewohnerschaft wenigstens Sympathien für die AfD gibt", sagt Geschäftsführer Fabian Biastoch. "Und wir sprechen im VDAB und mit unseren Mitarbeitern vor Ort natürlich auch über Wahlprogramme, vergleichen sie und diskutieren über Rechtspopulismus und seine Konsequenzen", so der Humanas-Chef, der auch Mitglied im Landesvorstand des Verbands Deutscher Alten- und Behindertenhilfe ist. 

Wahlprogramme genauer unter die Lupe nehmen – das hat auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) in Sachsen-Anhalte gemacht unter anderem in einer Veranstaltung, zu der neben anderen Parteien auch die AfD eingeladen war. Doch die ist nicht gekommen. 

Kirsten Gaede