Krank, aber arbeitsfähig? Ökonom wirbt für Teilzeitmodelle
Die Debatte über steigende Krankmeldungen bekommt neuen Stoff. In einem Beitrag im Magazin G+G der AOK plädiert der Mannheimer Volkswirtschaftsprofessor Nicolas Ziebarth für die Einführung von Teilzeit-Krankschreibungen in Deutschland. Das Modell, in Skandinavien längst etabliert, soll Fehlzeiten reduzieren, ohne die Gesundheit der Beschäftigten zu gefährden. Schon eine begrenzte Umstellung könnte Millionen zusätzlicher Arbeitstage ermöglichen.
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Bei Rückenbeschwerden könnten Pflegekräfte unter Umständen möglicherweise die Hälfte der Schicht mit körperlich leichter Arbeit verbringen
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Würden nur zehn Prozent der rund 900 Millionen Fehltage in Deutschland als Halbtagskrankschreibungen ausgestaltet, kämen rechnerisch 45 Millionen Arbeitstage hinzu. Das entspreche etwa dem Effekt eines gestrichenen Feiertags, so Ziebarth im Magazin G+G.
In Skandinavien gehört die Teilzeit-Krankschreibung seit Jahren zum Alltag. In Schweden entfällt gut ein Drittel aller Krankmeldungen auf Varianten mit 25, 50 oder 75 Prozent Restarbeitsfähigkeit. Je nach Erkrankung und Tätigkeit sei es durchaus möglich, einen Teil des Arbeitstags zu leisten, etwa bei leichten Infekten im Homeoffice, Rückenbeschwerden oder psychischen Erkrankungen, argumentiert Ziebarth. Bei Rückenbeschwerden könnten Pflegekräfte einen Teil der Schicht mit körperlich leichter Arbeit verbringen, wie Medikamente richten.
Karenztage seien meistens kontraproduktiv
Entscheidend sei eine flexible Ausgestaltung. Unternehmen könnten Anreizsysteme entwickeln, die geringere Fehlzeiten honorieren, ohne Druck aufzubauen. Die Forschung könne helfen, Fehlanreize zu vermeiden. Skeptisch äußert sich Ziebarth dagegen zu Karenztagen, spricht, einer Lohnaussetzung am ersten Krankheitstag. Auch alle anderen Modelle zu Kürzungen der Lohnfortzahlung hält er für kontraproduktiv. Diese könnten zu Präsentismus führen oder längere Krankmeldungen begünstigen. In Schweden seien die Fehlzeiten nach Abschaffung eines Karenztags sogar gesunken.
Rückenwind erhält das Konzept Teilzeit-Krankmeldung aus Deutschland: Bereits 2018 empfahl ein Gutachten des Iges-Instituts im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums Teilzeit-Krankschreibungen. Sie könnten die Rückkehr in den Beruf beschleunigen und langfristige Arbeitsunfähigkeit verringern.