Mit Teilzeitkrank AU-Tage reduzieren – das funktioniert
Der Mannheimer Volkswirtschaftsprofessor Nicolas Ziebarth hat kürzlich im AOK-Magazin für die Teilzeitkrankschreibung plädiert. In Skandinavien habe sich das Modell längst bewährt, in Deutschland sei es noch Utopie. Doch das "Lebens- und Gesundheitszentrum Haus Momentum" bei Stade hat Teilzeitkrank längst eingeführt und bislang gute Erfahrung gemacht, berichtet Einrichtungsleiter Martin Matthews (Foto) im Gespräch mit Care vor9. Die Krankheitsquote bei ihm liegt weit unter dem Durchschnitt.
WH Care
Voraussetzung für Teilzeitkrank sei eine offene Gesprächskultur, sagt Martin Matthews
Das "Haus Momentum" in Hammah, betrieben von WH Care, hat die Teilzeitkrankmeldung mit der Eröffnung vor gut einem Jahr eingeführt – mit eindeutig positivem Ergebnis, berichtet Einrichtungsleiter Matthews: Die Krankheitsquote lag im vergangenen Jahr bei vier Prozent. Umgerechnet entspricht das rund zehn Krankheitstagen je Vollzeitkraft. Im Durchschnitt fallen Mitarbeiter in der Altenpflege 38 Tage pro Jahr wegen Krankheit aus.
Voraussetzung für Teilzeitkrank sei eine offene Gesprächskultur, so Matthews. Meldet sich ein Mitarbeiter krank, wird – sofern gewünscht – gemeinsam besprochen, was möglich ist. Eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gilt dabei als Empfehlung. Wer sich früher wieder belastbar fühlt, kann in Absprache teilweise einsteigen. Das kann ein halber Tag sein oder ein späterer Schichtbeginn. Umgekehrt rät die Leitung auch dazu, länger zu Hause zu bleiben, wenn sie den Eindruck hat, dass eine Rückkehr zu früh käme.
Auch Pflegefachkräfte können im Homeoffice arbeiten
Wichtig ist die Trennung der Aufgaben: Matthews unterscheidet zwischen Pflege am Bewohner und bewohnerfernen Tätigkeiten, die etwa auch bei einer Erkältung in Frage kommen könnten. So bietet sich Arbeit im Homeoffice nicht nur für Mitarbeiter aus der Verwaltung an: Auch Pflegefachkräfte können Dokumentation, Pflegeplanung, Telefonate mit Ärzten oder Beratungsgespräche mit Angehörigen von zu Hause erledigen. Ebenso kommt eine Arbeit vor Ort im Hintergrund infrage, etwa das Stellen der Medikamente.
Wie genau die Arbeit im Teilzeitkrank organisiert wird, stimmt Matthews individuell mit jedem einzelnen Mitarbeiter ab: Manche arbeiten nur die ersten vier Stunden einer Schicht, andere kommen später in die Frühschicht, die verbleibenden Stunden werden dann mit oft mit Überstunden ausgeglichen.
Mitarbeiter entscheiden selbst, ob sie die Krankschreibung vorzeitig beenden
Das Haus verzichtet bewusst darauf, krankgeschriebene Mitarbeiter von sich aus zu kontaktieren. Die Initiative geht vom Mitarbeiter aus. Entscheidet sich jemand, vor Ende der ärztlichen Krankschreibung wieder zu arbeiten, endet die Arbeitsunfähigkeit offiziell. "Allerdings nur mit Zustimmung des Arbeitgebers im Rahmen der Fürsorgepflicht", sagt Matthews.
In Skandinavien ist Teilzeitkrank schon lange etabliert. Der Mannheimer Volkswirtschaftsprofessor Ziebarth sagt, dass Teilzeitkrankschreibungen auch bei Rückenbeschwerden oder psychischen Erkrankungen sinnvoll sein können. Pflegekräfte könnten dann körperlich leichtere Tätigkeiten übernehmen, etwa das Stellen von Medikamenten. Würden in Deutschland nur zehn Prozent der rund 900 Millionen Fehltage als halbe Kranktage gestaltet, so Zierbath, entstünden rechnerisch 45 Millionen zusätzliche Arbeitstage.
Kirsten Gaede