SWB Wohnstift führt Telemedizin an allen 31 Standorten ein
Der Pflegeanbieter SWB Wohnstift will bis Mitte Juli alle seine Pflegeeinrichtungen und Betreute-Wohnen-Anlagen mit der Telemedizin-Kabine Cubedoc ausstatten. Das Besondere an dem System: Pflegefachkräfte oder Bewohner buchen die Termine per App bei einem festen Ärzteteam, außerdem gibt es rund um die Uhr einen Bereitschaftsdienst. Der Abrechnungsprozess ist unkompliziert, denn Videosprechstunden sind seit 2025 regulär mit allen Krankenkassen abrechenbar.
Cubedoc
SWB Wohnstift testet Cubedoc seit sechs Wochen an seinen Standorten in Bühl und Bad Kissingen
Der Fachkräftemangel betrifft längst nicht mehr nur die Pflege. Auch Hausärzte fehlen vielerorts – mit spürbaren Folgen für Pflegeheime. "Wir beschäftigen heute Personal, das einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit damit verbringt, überhaupt einen Arzt zu erreichen", sagt Hubertus Seidler, Geschäftsführer des Pflegeanbieters SWB Wohnstift mit Sitz in Bühl südlich von Karlsruhe. Genau dieses Problem soll künftig ein Telemedizin-System lösen, das der Betreiber selbst mitentwickelt und finanziert hat.
Bis Mitte Juli sollen sämtliche 31 Standorte der SWB Wohnstift – darunter sechs Pflegeheime sowie zahlreiche Einrichtungen des Betreuten Wohnens mit ambulanten Diensten – mit sogenannten Cubedocs ausgestattet werden. Der Betreiber ist Mitgründer der Cubedoc-Gesellschaft und geschäftsführender Direktor. Gemeinsam mit vier weiteren konfessionellen Partnern hat er in das Unternehmen investiert.
Immer ein Arzt an allen Tagen der Woche rund um die Uhr erreichbar
Cubedoc funktioniert wie eine kleine Arztpraxis innerhalb der Einrichtung. Bewohner betreten eine abgeschlossene Kabine, stecken ihre elektronische Gesundheitskarte in ein Kartenlesegerät und werden per Video mit einem Arzt verbunden. Anders als bei vielen bisherigen Telemedizin-Projekten gibt es dafür ein eigenes Ärzteteam, das ausschließlich diese Videosprechstunden übernimmt. Zur Verfügung stehen augenblicklich ein Allgemeinmediziner, ein Dermatologe und ein Onkologe in Köln. Zwischen 10 und 16 Uhr können Termine per App gebucht werden. Außerhalb dieser Zeiten ist rund um die Uhr einer der drei Ärzte in Bereitschaft erreichbar.
Seit sechs Wochen steht der Cubedoc schon im SWB-Pflegeheim in Bühl und im betreuten Wohnen in Bad Kissingen. Im Pflegeheim begleiten die Fachkräfte fast immer die Untersuchung. In Tagesschulungen haben sie etwa gelernt, wie man ein EKG anlegt, Blut abnimmt, Wunden digital dokumentiert, Lungenfunktionstests vornimmt und Herztöne und Lunge auskultiert. Sämtliche Messwerte werden unmittelbar an den zugeschalteten Arzt übertragen, der Diagnose und Therapie festlegt. Verordnungen etwa für Medikamente, Wundmaterial oder Kompressionsstrümpfe werden unmittelbar ausgedruckt.
Kein Bewohner muss wegen fehlender medizinischer Versorgung abgelehnt werden
Der große Vorteil von Cubedoc liegt für Seidler darin, dass die Pflegekräfte nicht mehr stundenlang Hausärzten hinterhertelefonieren müssen. Hinzu kommt: Pflegeheime sind verpflichtet, eine medizinische Versorgung zu gewährleisten. Das wird aber immer schwieriger, meint Seidler. "Ein Beispiel: Eine Patientin, die bisher in Karlsruhe lebte, kommt nach einem Oberschenkelhalsbruch zu uns nach Bühl ins Pflegeheim. Dann wird ihr Arzt nicht nach Bühl kommen. Wir müssen für sie also einen Arzt suchen. Diese Situation ist nicht selten und ein Grund, weshalb manche Pflegeheime keine Bewohner mehr aufnehmen können. Denn sie finden auf die Schnelle schlicht keinen Arzt."
Auch unnötige Krankenhauseinweisungen ließen sich vermeiden. Viele Pflegekräfte entschieden sich im Zweifel für den Rettungsdienst, weil kurzfristig kein Arzt erreichbar sei. Über die Videosprechstunde könne dann häufig innerhalb weniger Minuten geklärt werden, ob tatsächlich eine stationäre Behandlung notwendig ist oder der Bewohner vor Ort versorgt werden kann. Gleichzeitig entfielen belastende Arztfahrten – etwa bei großer Sommerhitze. In Bad Kissingen und in Karlsruhe hat sich der Cubedoc schon bewährt, so Seidler. Er wurde schon für alltägliche Fragestellungen genutzt – von Medikamenteneinstellungen über Infekte bis hin zur Wundversorgung.
Wegen der Refinanzierung laufen schon Gespräche mit den Kassen
Finanziert wird der Cubedoc noch über Leasing. Die monatlichen Kosten liegen nach Angaben Seidlers bei rund 2.500 Euro monatlich je Cubedoc. Nach fünf Jahren geht das Objekt in den Besitz der Einrichtung über. Das Unternehmen hofft aber auf eine Refinanzierung durch die Krankenkassen. Gespräche mit der AOK liefen bereits in zwei Bundesländern. Seidler meint, die Kassen könnten Kosten in Milliardenhöhe sparen, weil weniger Krankentransporte, Rettungsdiensteinsätze und Notaufnahmen notwendig würden.
Was dem Cubedoc-Unternehmen zugutekommt: Ärzte können Videosprechstunden seit gut einem Jahr regulär mit allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen abrechnen. Telemedizin ist damit nicht mehr auf Modellprojekte oder besondere Selektivverträge beschränkt.
Kirsten Gaede