"Wir beobachten die Rückführungsdiskussion mit großer Sorge"
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat gesagt, dass rund 80 Prozent der nach Deutschland geflüchteten Syrer so schnell wie möglich in ihr Heimatland zurückkehren sollen. Die Ankündigung beunruhigt Pflegeanbieter: Es rumort nicht nur bei den konfessionellen, auch private Betreiber machen sich große Sorgen. Ein Teil der syrischen Mitarbeiter bei Deutschlands zweitgrößtem Pflegeunternehmen Korian könnten unmittelbar betroffen sein, sagt CEO Christian Gharieb (Foto).
Korian Deutschland
Pflegehilfs- und Assistenzberufe sollten als Mangelberufe anerkannt werden, fordert Gharieb
"Die aktuelle Diskussion um mögliche Rückführungsquoten beobachten wir mit großer Sorge", sagt Gharieb, Vorsitzender der Geschäftsführung von Korian Deutschland gegenüber Care vor9. Auch wenn die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in der Pflege zuletzt gestiegen sei, reiche dies weiterhin nicht aus, um den steigenden Personalbedarf aufgrund verbindlicher Personalvorgaben zu decken.
Korian halte es deshalb für "kontraproduktiv, integrierte und beschäftigte Mitarbeitende abzuschieben". Geflüchtete seien ein zentraler Teil der Lösung. "Grundsätzlich gilt: Alle Menschen, die Interesse und Eignung mitbringen, müssen einen realistischen und verlässlichen Weg in das System finden – ausdrücklich auch Geflüchtete", sagt Gharieb.
Bodo de Vries: Die politische Debatte verunsichert die Beschäftigten
In der Praxis gelingt das jedoch noch zu selten und, wenn, dann oft zu langsam. Sprachliche, rechtliche und bürokratische Hürden erschweren den Einstieg erheblich. Was sie brauchen, seien verlässliche Bleibeperspektiven und schnellere Anerkennungsverfahren, so Gharieb, der auch Vizepräsident des Arbeitgeberverbands Pflege (AGVP) ist.
Ähnlich hat sich Bodo de Vries vom Evangelischen Johanneswerk in einem Interview mit Care vor9 geäußert. Dort arbeiten aktuell 58 Syrer, viele mit befristetem Status. Die politische Debatte verunsichere die Beschäftigten – und das ausgerechnet in einer Phase, so der Geschäftsführer, in der Träger versuchen, sie stärker zu qualifizieren und langfristig zu binden.
Gharieb: Pflegehilfs- und Assistenzberufe als Mangelberufe anerkennen
De Vries kritisiert, dass die Diskussion die tatsächliche Bedarfslage in der Pflege ausblende. Einrichtungen investierten erheblich in Integration und Ausbildung, etwa durch gezielte Qualifizierungsprogramme für internationale Fachkräfte. Diese Anstrengungen würden konterkariert, wenn gut eingearbeitete Mitarbeiter das Land verlassen müssten.
Korian-Chef Gharieb nennt einen weiteren Umstand, der die Situation erschwert: "Besonders kritisch ist, dass Pflegehilfs- und Assistenzberufe bislang nicht als Mangelberufe anerkannt sind." Das wirke sich direkt auf Aufenthalts- und Planungssicherheit aus.
Kirsten Gaede