Neue Wohnformen und die Herausforderungen für Betreiber
Neue Wohnformen im Alter beschäftigen Diana Miltner (Foto) fachlich, aber auch ganz persönlich. "Für mich steckt da mehr drin als nur eine Antwort auf den demografischen Wandel oder neue Baukonzepte", sagt die Qualitätsprüferin von Careproof, dem Prüfdienst des Verbands der Privaten Krankenversicherung. Im Gastbeitrag für Care vor9 beschreibt sie die Herausforderungen neuer Wohnformen und praktische Lösungsansätze für Betreiber am Beispiel "stambulant".
Careproof
Diana Miltner ist Qualitätsprüferin und Dozentin von Careproof
Die Frage, wie wir später leben wollen, ist längst im Alltag angekommen. Ich höre sie in Gesprächen, in der Praxis und ich denke auch selbst darüber nach. Dabei fällt auf: Die Vorstellung vom Alter hat sich verändert. Das klassische Pflegeheim ist nicht weg, aber es ist eben nur noch eine Möglichkeit unter vielen. Klar ist: Menschen wollen nicht einfach "versorgt" werden. Sie wollen weiter ihr Leben führen mit allem, was dazugehört. Ihnen geht es dabei nicht um Konzepte, sondern um die ganz einfache Frage: Was mache ich, wenn ich es nicht mehr schaffe, mich selbstständig zu versorgen?
Neue Wohnformen versuchen das zu beantworten: Mehrgenerationenhäuser, ambulant betreute Wohngruppen, Senioren-Wohngemeinschaften, diese Antworten sind alle schon da. Pflegecampus-Modelle bündeln Angebote an einem Ort, Service-Wohnen-Plus versucht Übergänge fließender zu machen, Cluster-Wohnen verbindet Rückzug und Gemeinschaft irgendwie gleichzeitig. Und dann natürlich die digitalen Lösungen, die Sicherheit geben oder den Alltag erleichtern sollen.
Herausforderungen von stambulanten Wohngemeinschaften
Ein Modell, das es seit 2026 gibt und ich persönlich spannend finde, ist die stambulante Wohngemeinschaft. Zwischen ambulant und stationär – nicht ganz Institution, aber auch nicht mehr reine Selbstorganisation. Für Betreiber entstehen daraus neue Anforderungen und auch Unsicherheiten, weil vieles genauer geregelt werden muss. So reicht zum Beispiel ein barrierefreies Gebäude plus ein Pflegeangebot nicht mehr aus. Damit das Modell in der Praxis funktioniert, sind wichtige Netzwerke aus Pflege, Medizin, Betreuung und oft auch Ehrenamt notwendig.
Die Herausforderungen sind im Alltag deutlich zu spüren. Viele Beteiligte übernehmen Verantwortung, aber der Überblick geht leicht verloren. Weiß jemand morgens eigentlich, was gestern los war? Oder fängt jeder Tag wieder bei null an? Und wenn dann etwas passiert – ein Sturz, eine akute Verschlechterung, eine palliative Situation – dann zeigt sich ziemlich schnell, ob ein System trägt oder nur im Normalbetrieb funktioniert.
Darüber hinaus: Angehörige, Dienste und Ehrenamtliche arbeiten oft nebeneinander, aber nicht automatisch miteinander abgestimmt. Ohne klare Zuständigkeiten entstehen Lücken und es kann zu Spannungen zwischen dem Pflegeteam und Angehörigen kommen, weil Abläufe und Zuständigkeiten unklar sind. Regelmäßige Gespräche aller an der Versorgung Beteiligten sowie eine gemeinsame Abstimmung der Aufgaben können zu einer verlässlichen Zusammenarbeit beitragen. Dabei bringen die professionell Pflegenden ihre fachliche Kompetenz ein, Angehörige ihr Wissen über die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Bewohner und Ehrenamtliche unterstützen durch soziale Begleitung und Alltagsangebote.
Beispiel: Frau Schulz, 82 Jahre alt, lebt nach einem Schlaganfall in einer stambulant betreuten Wohngemeinschaft mit neun weiteren Pflegebedürftigen. Die verantwortliche Pflegefachkraft koordiniert die Pflege, erstellt Dienstpläne und ist Ansprechpartnerin für Angehörige, Ärzte und Ehrenamtliche. Mitarbeitende übernehmen die Körperpflege, Unterstützung bei der Ernährung, Inkontinenzversorgung sowie Medikamenten- und Wundversorgung. Die Tochter organisiert Arzttermine, begleitet ihre Mutter zu Untersuchungen und übernimmt das Waschen der Kleidung und die Reinigung des Zimmers. Ein ehrenamtlicher Helfer besucht Frau Schulz zusätzlich dreimal pro Woche, begleitet sie bei Spaziergängen.
Von der Theorie zur Praxis
Wie viele Fachkräfte vorhanden sein müssen und ob eine Betreuung rund um die Uhr sichergestellt werden muss, ist gesetzlich noch nicht geregelt. Eine Lösung dieses Spannungsfelds könnten neue Versorgungsverträge zwischen Leistungsträgern und Einrichtungen sein. Sie ermöglichen mehr Flexibilität und schaffen Planungssicherheit. Trotzdem bleibt die Refinanzierung größtenteils unklar, weil sich viele Leistungen nicht eindeutig zuordnen lassen. Ohne Mischmodelle aus öffentlicher Förderung, privaten Investitionen und neuen Vertragsformen werden viele gute Ideen am Ende nur einzelne Projekte bleiben.
Auch das Verständnis von "guter Pflege" verändert sich. Fachliche Qualität allein reicht nicht mehr aus. Themen wie Selbstbestimmung, Teilhabe und Lebensqualität rücken stärker in den Fokus – also genau die Aspekte, die sich schwer messen lassen, aber den Alltag entscheidend prägen. Das BEEP-Gesetz zur Befugniserweiterung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Impuls. Es versucht, Versorgungsrealität anders abzubilden, differenzierter. Und bei neuen Wohnformen ist genau das die Herausforderung: Maßstäbe zu finden, die Vergleichbarkeit ermöglichen, ohne alles zu vereinheitlichen.
Als Qualitätsprüferin bei Careproof, aber auch als Mensch, habe ich eine klare Vorstellung: Wohnformen, die für Menschen langfristig eine Lösung und ein Zuhause sind. Versorgung wird flexibel organisiert, Leistungen greifen ineinander, digitale Hilfsmittel und soziale Netzwerke sorgen dafür, dass Sicherheit und Teilhabe erhalten bleiben. Ob uns das gelingt, wird sich nicht an Konzeptpapieren zeigen, sondern daran, wie Menschen dort tatsächlich leben können und ob neue Versorgungsverträge sowie gesetzliche Impulse wie das BEEP-Gesetz sinnvoll genutzt werden können.
Die Autorin Diana Miltner ist examinierte Kinderkrankenschwester und hat seit 1987 sowohl in der ambulanten als auch stationären Pflege gearbeitet. Nach vielen Weiterbildungen unter anderem zur Pflegesachverständigen SGB XI war sie mehr als 13 Jahre beim Medizinischen Dienst als Pflegegutachterin und im Bereich der Qualitätssicherung aktiv. Heute ist sie Qualitätsprüferin und Dozentin bei Careproof, dem Prüfdienst des Verbands der PKV. In ihren Seminaren vermittelt sie praxisnahes Wissen und fördert einen konstruktiven Austausch.