News für das Pflegemanagement

Ambulante Dienste sorgen sich um Wegfall der Pflegeberatung

Die im Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) geplante Pflegebegleitung sorgt bei ambulanten Diensten für Unruhe. Die Verbände fürchten den Verlust ihrer bisherigen Pflegeberatung sowie einen Sog von bis zu 20.000 Pflegekräften zu den Pflegekassen. Doch wollen die Kassen tatsächlich ein eigenes Beraterheer aufbauen? Care vor9 hat die AOK, BKK und den Vdek gefragt. Die Antworten fallen unterschiedlich aus.

Neben der geplanten Tarifbremse beschäftigt die Pflegeanbieter beim PNOG vor allem ein zweites Thema: die Pflegebegleitung. Diese soll ab 2028 die bisherigen Beratungsangebote ablösen und Pflegebedürftige sowie ihre Angehörigen nicht nur beraten, sondern bei Bedarf auch längerfristig begleiten und ihre Versorgung koordinieren. Die Verantwortung dafür weist der Referentenentwurf den Pflegekassen zu.

Damit steht für ambulante Pflegedienste ein wichtiges Geschäftsfeld auf dem Spiel. Sie übernehmen heute einen großen Teil der verpflichtenden Beratungsbesuche gemäß § 37 Abs. 3 SGB XI. Der Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (BAD) hat inzwischen sogar eine eigene Reihe gestartet, in der Mitglieder vor den Folgen der Reform warnen – unter anderem vor der Pflegebegleitung.

Besonders groß ist die Sorge um das Personal. Die Initiative Ruhrgebietskonferenz Pflege hat modellhaft berechnet, dass bei einer intensiveren Pflegebegleitung bundesweit möglicherweise mehr als 20.000 Vollzeitkräfte benötigt würden. Die Befürchtung dahinter: Die Kassen könnten für diese neue Aufgabe Pflegefachkräfte aus den ohnehin unterbesetzten ambulanten Diensten abwerben.

Die AOK erwartet keine Abwerbung

Doch planen die Kassen tatsächlich einen solchen Personalaufbau? Care vor9 hat bei großen Kassenverbänden nachgefragt. Der AOK-Bundesverband erwartet nicht, dass die Pflegekassen oder die Kommunen Pflegepersonal von den Pflegeeinrichtungen abwerben. Kassen, Pflegestützpunkte und Kommunen beschäftigten bereits heute Personal für Beratungsaufgaben.

Wer die Pflegebegleitung künftig konkret übernehmen soll, lässt die AOK allerdings offen. Zunächst müssten Aufgabenprofil und erforderliche Kompetenzen definiert werden. Die Reform solle außerdem nicht einfach die bisherigen Beratungsleistungen unter einem neuen Dach zusammenfassen. Das Ziel sei eine weiterentwickelte, niedrigschwellige und ortsnahe Begleitung mit einer zentralen Ansprechperson.

Die BKK will ihr Personal weiterqualifizieren

Deutlicher widerspricht der BKK-Dachverband der Befürchtung eines Fachkräftesogs. "Die Gefahr eines relevanten Fachkraftsogs von der pflegerischen Versorgung hin zur Pflegebegleitung sehen wir nicht", sagt Vorständin Anne-Kathrin Klemm. Die Kassen hätten bereits Personal für die Pflegeberatung oder arbeiteten mit qualifizierten Dienstleistern zusammen. Dieses Personal könne für Aufgaben des Case Managements weiterqualifiziert werden. Zudem müsse die Pflegebegleitung nicht allein Pflegefachkräften vorbehalten bleiben, so der BKK-Dachverband. Für die Koordination und Vernetzung kämen auch andere Sozialberufe infrage.

Die Antwort enthält für die Pflegedienste allerdings auch einen weniger beruhigenden Satz: Der Dachverband sieht in der Reform die Möglichkeit, ambulante Dienste von Beratungsaufgaben zu "entlasten", damit sie sich stärker auf die pflegerische Versorgung konzentrieren können. Dass sie ihre heutige Rolle in der Beratung behalten, stellt der BKK-Dachverband damit jedoch nicht in Aussicht.

Vdek warnt selbst vor Abwanderung

Der Verband der Ersatzkassen (Vdek) legt sich noch nicht darauf fest, in welchem Umfang Kassen eigenes Personal einsetzen oder Aufgaben an bestehende Strukturen übertragen. Dafür sei das Gesetzgebungsverfahren zu wenig fortgeschritten. Auch der Personalbedarf lasse sich nicht seriös beziffern. Allerdings scheint der Verband die Sorgen der Anbieter zumindest grundsätzlich zu teilen. Die neue Pflegebegleitung dürfe nicht dazu führen, "dass dringend benötigte Pflegefachkräfte von der unmittelbaren pflegerischen Versorgung in neue Beratungsstrukturen abwandern".

Pflegeexperte Klie sieht die Pflegebegleitung als regionale Kooperationsaufgabe.

Eine Garantie für die Pflegedienste, ihr bisheriges Beratungsfeld zu behalten, liefern die Antworten der Kassenverbände damit jedoch nicht. Das Szenario, dass die Kassen flächendeckend Tausende Pflegefachkräfte aus den Diensten für die Pflegebegleitung rekrutieren wollen, lässt sich daraus aber ebenfalls nicht ableiten.

Der Pflege- und Sozialexperte Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg hält ohnehin einen anderen Weg für sinnvoll. Beim Talk am Förderturm der Ruhrgebietskonferenz Pflege plädierte er dafür, die Pflegebegleitung als regionale Kooperationsaufgabe zu organisieren. Dazu müssten Pflegekassen, Kommunen, Pflegestützpunkte, unabhängige Berater und Leistungserbringer zusammenwirken. Über die Anbieter sagte Klie: "Ohne sie wird es nicht gehen."

Kirsten Gaede