"Eine ungeheuerliche Unterstellung der AfD"
Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, sät Zweifel, dass in Pflegeheimen bei der Briefwahl alles mit rechten Dingen zugeht – Belege nennt er nicht. Pflegekammer NRW und Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) weisen den Verdacht zurück, die Kammer spricht von einer erneuten "Hetzkampagne". Auch Humanas-Chef Fabian Biastoch (Foto) aus Magdeburg findet die Unterstellung "ungeheuerlich" – und wundert sich, warum die AfD ausgerechnet eine der größten Berufsgruppen gegen sich aufbringt.
Humanas
Die Unterstellungen seien eigentlich eine richtige Antiwerbung, sagt Fabian Biastoch
Siegmund hatte in einem Instagram-Video zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dazu aufgerufen, bei der Briefwahl in Pflegeheimen "genau hinzuschauen". Er äußerte den Verdacht, es werde dort "nicht immer alles dem Zufall überlassen". Belege für eine Manipulation legte der AfD-Spitzenkandidat nicht vor.
Für DBfK und Pflegekammer NRW ist damit eine Grenze überschritten. "Wer konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten hat, muss sie den zuständigen Stellen vorlegen", erklärt der Berufsverband. Wer keine habe, dürfe nicht die Beschäftigten eines ganzen Versorgungsbereichs unter Verdacht stellen. Kammerpräsidentin Sandra Postel spricht von einem Generalverdacht gegen Pflegefachpersonen: "Wer Menschen, die täglich Verantwortung für Pflegebedürftige übernehmen, pauschal politische Einflussnahme unterstellt, diskreditiert unseren gesamten Berufsstand."
Biastoch: "Eine richtige Anti-Werbung"
Ähnlich reagiert Fabian Biastoch, Geschäftsführer des Pflegeanbieters Humanas mit mehr als 20 Einrichtungen in Sachsen-Anhalt. "Ich finde es ungeheuerlich, überhaupt in den Raum zu stellen, dass absichtlich manipuliert wird – egal in welche Richtung", sagt er gegenüber Care vor9. Einen Fall, in dem derartige Vorwürfe bei einer Wahl tatsächlich aufgekommen seien, kenne er nicht.
Biastoch will sich gar nicht ausführlich rechtfertigen. Auf Nachfrage sagt er, in den Humanas-Einrichtungen würden die Möglichkeiten zur Wahl unterstützt, teilweise gebe es kommunale Wahl- oder Shuttlebusse. Bei der eigentlichen Stimmabgabe seien meistens Angehörige behilflich. Zudem gebe es Wahlbeobachter.
Wahlstrategisch betrachtet findet Biastoch die Verdächtigungen in jedem Fall merkwürdig. Pflege sei eine "unfassbar wichtige" und große Berufsgruppe. "Pflege zu vergraulen, das kann ich nicht nachvollziehen." Für die AfD sei eine solche Unterstellung im Grunde "eine richtige Anti-Werbung".
Schon Höcke erhob ähnliche Vorwürfe
Neu ist die Argumentation nicht. Bereits vor der Thüringer Landtagswahl 2024 hatte AfD-Politiker Björn Höcke behauptet, Bewohner von Pflegeheimen würden politisch beeinflusst und etwa dazu gebracht, SPD zu wählen. Schon damals reagierte die Pflegekammer NRW empört und warf Höcke vor, Pflegefachkräfte damit indirekt eine Verletzung ihrer Berufspflichten zu unterstellen.
Postel sieht deshalb inzwischen ein Muster. "Erst Thüringen, jetzt Sachsen-Anhalt. Das nächste Mal NRW? Nicht mit uns", erklärt sie. Pflegefachkräfte ermöglichten pflegebedürftigen Menschen, ihr Wahlrecht auszuüben. Diese Unterstützung sei keine politische Einflussnahme, sondern Teil der Selbstbestimmung.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt, die AfD liegt in aktuellen Umfragen deutlich vorn. Ihr Landesverband wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.