Pflegedienstkäufer nutzen Reformpläne, um Preise zu drücken
Die geplante Pflegereform verunsichert Inhaber ambulanter Pflegedienste. Kaufinteressenten machen sich das offenbar zunutze. Sie warnen verkaufswillige Unternehmer vor angeblich existenzbedrohenden Folgen der Reform und versuchen so, die Preise zu drücken. Unternehmensberater und Makler Wiesmann spricht von "Angstmacherei". Auch Roland Weigel von der Ruhrgebietskonferenz Pflege kennt solche Fälle – und sagt über die Geschäftspraxis: "Mich widert das an."
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Kleine Pflegedienstbetreiber, die eine Nachfolge suchen, sind ohnehin verunsichert. Angstmacherei von Kaufinteressenten verstärkt das Gefühl
Wer einen ambulanten Pflegedienst aufgebaut und über Jahrzehnte geführt hat, verbindet mit dem Verkauf häufig mehr als den Abschied aus dem Berufsleben. Der Erlös ist nicht selten Teil der Altersvorsorge. Doch ausgerechnet die Unsicherheit über die geplante Pflegereform nutzen offenbar einige Pflegegruppen und private Investoren, um die Kaufpreise kleiner Dienste zu drücken.
Darauf macht der Unternehmensberater und Makler Stefan Wiesmann aus Kempen aufmerksam. Er begleitet regelmäßig Übernahmen in der Pflegebranche. Zurzeit landeten bei ihm immer wieder Schreiben und Angebote mit einem ähnlichen Tenor, sagt er. "Verkaufswilligen Inhabern wird vermittelt, dass ihnen die Zeit davonläuft und ihr Unternehmen nach Inkrafttreten der Reform erheblich an Wert verlieren könnte."
Ein Kaufinteressent spricht von "großen existenzbedrohlichen Auswirkungen"
Ein Schreiben, das Wiesmann vorliegt, zeigt, wie argumentiert wird. Der Interessent erklärt zunächst, die Kaufpreisvorstellung der Inhaberin sei "wirklich viel zu hoch". Dann folgt die Warnung vor den Folgen des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG): Weil der betreffende Dienst einen großen Teil seines Umsatzes mit Leistungen nach SGB XI erwirtschafte, drohten durch Veränderungen bei Verhinderungspflege, Entlastungsleistungen und Beratungsbesuchen "große existenzbedrohliche Auswirkungen auf das Unternehmen". Der Verkäuferin wird beschieden, sie müsse sich beeilen.
Wiesmann hält das für gezielte Angstmacherei. Denn die Reformpläne sind bislang kein geltendes Recht. Wie die endgültigen Regelungen aussehen und wann sie tatsächlich greifen, ist offen. "Angst verbreiten, mit dem Ziel, Preise zu drücken – das ist schlimm", sagt er. Die Absender vermittelten den Eindruck, dem Verkäufer trotz der angeblich düsteren Aussichten noch entgegenzukommen und den Dienst gewissermaßen zu retten.
Reale Risiken machen Verkäufer empfänglich für Angstmacherei
Dass diese Strategie verfangen kann, liegt allerdings auch daran, dass die Sorgen vieler kleiner Pflegedienste nicht aus der Luft gegriffen sind. Darauf weist Roland Weigel, Koordinator der Ruhrgebietskonferenz Pflege, hin. Beispiel Beratungsbesuche nach Paragraf 37 Absatz 3 SGB XI: Fallen abrechenbare Aufgaben weg oder verändern sich Zuständigkeiten, müssten Dienste darauf personell reagieren. Gleichzeitig sollen sie Ausbildung organisieren, internationale Pflegekräfte integrieren und sich stärker in lokale Netzwerke einbringen. Gerade kleinere Unternehmen könnten solche Veränderungen deutlich schwerer auffangen als große Gruppen.
Damit entstehe ein günstiges Umfeld für Kaufinteressenten, die mit einem weiteren Wertverlust drohen. Wiesmann warnt deshalb davor, aus einem Referentenentwurf bereits die wirtschaftliche Zukunft eines Pflegedienstes abzuleiten. Gut aufgestellte ambulante Dienste hätten weiterhin einen Wert und könnten auch heute zu vernünftigen Konditionen verkauft werden.
Mit dem Verkauf den Ruhestand absichern – diese Perspektive gerät ins Schwanken
Besonders problematisch findet er den Druck auf Unternehmer, die kurz vor dem Ruhestand stehen. "Der Verkauf ist ein Teil ihrer Altersvorsorge", sagt Wiesmann. Bei Ehepaaren, die gemeinsam einen Dienst aufgebaut hätten, könne die wirtschaftliche Bedeutung noch größer sein. Verkäufer aus Angst vor der Reform zu einem schnellen Abschluss zu bewegen, sei deshalb "unanständig".
Weigel kennt die Enttäuschung aus seinem persönlichen Umfeld. Ein Bekannter habe darauf gesetzt, seinen Pflegedienst zum Ende des Berufslebens zu einem angemessenen Preis verkaufen und damit seinen Ruhestand absichern zu können. Diese Perspektive habe sich deutlich eingetrübt. Dass Käufer eine politisch ohnehin schwierige Situation zusätzlich für Preisverhandlungen nutzen, stößt bei Weigel auf scharfe Kritik. "Mich widert das an – damit können Sie mich gern zitieren", sagt er gegenüber Care vor9.
Kirsten Gaede