Ruf nach hartem Vorgehen gegen hohe Krankenstände
Die hohen Krankenstände brennen den Pflegeanbietern auf den Nägeln: In der Leserumfrage von Care vor9 haben 175 der rund 250 Teilnehmer Vorschläge gemacht, wie sich der Krankenstand in Pflegeeinrichtungen und -diensten senken ließe. Viele setzen auf mehr Personal, verlässliche Dienstpläne und geringere Belastung. Auffällig oft fordern die Befragten aber auch Karenztage, Einschnitte bei der Lohnfortzahlung und einen strengeren Umgang mit Mitarbeitern, die häufig fehlen.
iStock/uniquepixel
Mitarbeitern, die sich häufig um das Wochenende herum krankmelden, müsste man erklären, was das für das Unternehmen bedeutet, schreibt ein Umfrage-Teilnehmer
Die Pflicht zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom ersten Tag an halten zwei Drittel der Befragten für wirkungslos (wir berichteten). Die Alternativvorschläge vieler Teilnehmer gehen weiter und sind eindeutig härter: unbezahlte Karenztage, eine geringere Lohnfortzahlung, ein früherer Wechsel ins Krankengeld oder gelockerte Kündigungsmöglichkeiten bei auffälligen Fehlzeiten.
Dabei gehen manche sehr weit: Die ersten Krankheitstage sollten vom Urlaub abgezogen, nur noch 65 oder 80 Prozent des Gehalts gezahlt oder die Lohnfortzahlung auf vier Wochen verkürzt werden. Ein Teilnehmer schlägt sogar vor, die ersten fünf Krankheitstage mit dem Urlaub zu verrechnen. Ein anderer fordert Krankengeld bereits vom ersten Tag an.
Besonders häufig genannt werden ein oder zwei unbezahlte Karenztage. Dahinter steht die Erwartung, dass finanzielle Nachteile kurzfristiges Krankfeiern weniger attraktiv machen. "Eine Reduzierung kann man jetzt meines Erachtens nur durch finanzielle Nachteile erreichen, zum Beispiel durch Karenztage, oder durch Belohnungen von Mitarbeitern ohne AU", heißt es in einem Kommentar. Mehrere Teilnehmer schlagen statt Sanktionen Prämien für wenige Fehltage vor. Denkbar seien Geldzahlungen, Gutscheine oder Boni der Krankenkassen.
Kritik richtet sich auch an Ärzte, die zu schnell zu lange krankschreiben
Viele Kommentare nehmen auch Hausärzte in den Blick. Sie schrieben Beschäftigte aus der Pflege zu schnell und zu lange krank, lautet ein wiederkehrender Vorwurf. Ein Teilnehmer berichtet von Aussagen wie: "Dann nehme ich Sie gleich mal zwei Wochen raus." Das geschehe oft aus Mitleid mit den Pflegekräften, die nach Auffassung der Ärzte in einer extrem harten Branche arbeiteten. "Doch die häufigen ein oder zwei Wochen dauernden Krankschreibungen können wir wirtschaftlich oft gar auffangen", schreibt ein Leser. Einige Teilnehmer verlangen deshalb auch, Ärzte mit auffällig langen Krankschreibungen durch den Medizinischen Dienst überprüfen zu lassen.
Mehrfach zu hören ist auch der Ruf nach dem Ende telefonischer oder digitaler Krankschreibungen. Ärzte müssten genauer untersuchen und zwischen einer Erkrankung und einer tatsächlichen Arbeitsunfähigkeit unterscheiden. Manche Teilnehmer wünschen sich außerdem Zweitmeinungen oder verpflichtende Kontrollen bei häufigen Kurzzeiterkrankungen.
Auch die Einrichtungen selbst sollen konsequenter handeln. Genannt werden Rückkehrgespräche, individuelle Attestpflichten, Abmahnungen und notfalls die Trennung von Mitarbeitern, deren Fehlzeiten sich auffällig um Wochenenden, Feiertage oder Urlaubszeiten häufen. "Bei auffällig vermehrten Krankheitstagen Freitag bis Montag müssen wir darüber reden, dass dies einem Unternehmen nachhaltig schadet", schreibt ein Teilnehmer.
Mehrheit setzt dennoch auf Entlastung
Trotz der teils drastischen Forderungen überwiegen in der Gesamtschau Vorschläge, die bei den Arbeitsbedingungen ansetzen. Besonders häufig wünschen sich die Befragten mehr Personal, bessere Personalschlüssel und finanzierte Springerpools. Ausfälle ließen sich leichter auffangen, ohne dass die verbliebenen Mitarbeiter erneut aus dem Frei einspringen müssten.
Ein weiterer Schwerpunkt sind verlässliche Dienstpläne und mehr Erholung. Pflegekräfte sollten nicht sieben, acht oder noch mehr Tage am Stück arbeiten. Genannt werden Vier- oder Fünftagewochen, weniger Teildienste, zusätzliche Urlaubstage sowie eine Verkürzung der Vollzeit auf 30 oder 35 Stunden. Ein Teilnehmer bringt die Gegenposition zu den Sanktionen auf den Punkt: "Erholungstage geben – also genau das Gegenteil von dem, was jetzt getan wird."
Blaumacher sind offenbar schwer durch gute Arbeitsbedingungen zu beeindrucken
Hinzu kommen Vorschläge für eine bessere Führungskultur, mehr Wertschätzung, Teamgespräche und Mitspracherechte. Auch weniger Bürokratie, moderne Hilfsmittel, Hitzeschutz, Gesundheitskurse und ein betriebliches Gesundheitsmanagement spielen in vielen Antworten eine Rolle.
Einige Einrichtungen haben nach eigener Aussage bereits Rufbereitschaften, Einspringprämien und Wunschdienste eingeführt. Das habe die Arbeitsbedingungen verbessert, notorische Blaumacher aber nicht beeindruckt. Da zeigt sich der Grundkonflikt der Befragten: Sie wollen die tatsächlich Erkrankten entlasten, aber auch wirksam gegen jene vorgehen können, die das System anscheinend ausnutzen.
Kirsten Gaede