Beitragsbescheide der NRW-Pflegekammer sorgen für Kritik
Erstmals seit Gründung 2022 verschickt die Pflegekammer NRW in diesen Wochen die Beitragsbescheide. 20 Euro jährlich, ab 2028 sollen es dann sogar 60 Euro sein. Bis August gehen 250.000 Zahlungsaufforderungen an die Beschäftigten raus. Und nun melden Kritiker ihren Protest an und monieren einen Geburtsfehler: Denn eine Vollbefragung der Pflegekräfte, ob sie überhaupt eine Pflegekammer wünschen, gab es nie. Mit einer Petition fordern sie nun die Aussetzung der Pflegekammer.
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250.000 Beitragsbescheide versendet derzeit die Pflegekammer NRW und erntet mitunter wenig Begeisterung
Eine Online-Petition mit dem Titel "Pflegekammer NRW aussetzen – Pflegekräfte befragen statt Mangel verwalten" hat bereits fast 15.000 Unterschriften gesammelt. Die Initiatoren fordern den Landtag auf, die Arbeit der Kammer auszusetzen, ihren Nutzen unabhängig neu zu bewerten und die Pflegekräfte über eine verbindliche, faire Befragung einzubeziehen. Statt zusätzlicher Verwaltung eines Mangels brauche es laut Petition "reale Entlastung, eine verbindliche Personalbemessung und politische Verantwortung für die strukturellen Probleme in der Branche."
Jens Albrecht, Vizepräsident der Pflegekammer NRW, verteidigt die Selbstverwaltung dagegen und verweist auf konkrete Erfolge. So müssten Pflegekräfte dank der Kammer keine psychisch erkrankten Straftäter mehr zu Gerichtsterminen fahren, auch dürften Personaluntergrenzen in Kinderkliniken nicht mehr über die Köpfe der Fachkräfte hinweg unterschritten werden. "Es funktioniert nicht alles sofort, aber das Arbeitsleben verändert sich durchaus", sagt Albrecht der WAZ (Abo).
SPD in Nordrhein-Westfalen plädiert für eine Vollbefragung
Unterstützung für eine nachträgliche Befragung kommt aus der Politik. Thorsten Klute, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, sieht in der fehlenden Vollbefragung einen Geburtsfehler der Kammer und erklärt gegenüber der WAZ: "Eine Vollbefragung ist auch jetzt noch gut investiertes Geld, der Wunsch dazu muss aber aus der Pflege kommen." Ein Ja zur Kammer müsse dann aber auch heißen, dass es bei der Pflichtmitgliedschaft bleibe – sonst verliere die Kammer an Schlagkraft.
Ob und wann es zu einer Vollbefragung kommt, steht in den Sternen. Die NRW-Pflegekammer verweist auf eine repräsentative Befragung im Jahr 2018, nach der 80 Prozent der Beschäftigten sich für die Kammer ausgesprochen hätten. Doch entspricht diese Zahl der tatsächlichen Stimmung? Ein Blick in die Google Bewertungen verrät, dass über die Kammer überwiegend negativ geurteilt wird. Aus den aktuell 258 Rezensionen ergibt sich einen sehr schlechten Durchschnittswert von nur 1,6 Sternen. Viele der Rezensionen kreisen um die Pflichtmitgliedschaft und die Beitragsbescheide.
"Als wäre es nicht schon genug, dass Pflegekräfte Demütigung und Geringschätzung ernten. Nein, man muss noch mal nachtreten und unter Androhung von Strafgeldern eine Mitgliedschaft und Zwangsbeiträge erzwingen", heißt es in einer Bewertung. Ein weiterer Kommentar bringt die Stimmung pointiert auf den Punkt: "Keiner will euch und dennoch zwängt ihr euch einem auf."
Pascal Brückmann