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21. Mai 2026 | 07:00 Uhr
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Medizinischer Dienst will mehr Prävention statt Pflegegrad

Erstmals beziehen in Deutschland mehr als sechs Millionen Menschen Leistungen der sozialen Pflegeversicherung. Die neue Marke verschärft die Debatte über Finanzierung, Zugangskriterien und die Zukunft der Pflegeversicherung. Hier schaltet sich nun auch der Medizinische Dienst (MD) ein: Statt sich auf die reine Begutachtung zu beschränken, fordert der MD offensiv mehr Prävention, Beratung und eine grundlegende Weiterentwicklung des Systems.

Video Begutachtung Pflegestufe Medizinischer Dienst

Der MD spricht sich für einen stärkeren Einsatz digitaler Verfahren wie Videobegutachtungen aus

Carola Engler, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes Bund, warnt davor, die ursprüngliche Zielsetzung der Reform der Pflegeversicherung aus dem Blick zu verlieren. Statt primär über Begrenzungen beim Zugang zu Pflegeleistungen zu sprechen, müsse der Fokus stärker auf Prävention und dem Erhalt von Selbstständigkeit liegen. Der MD versteht sich dabei zunehmend nicht mehr nur als Prüfinstanz, sondern als Akteur mit beratender und steuernder Funktion.

Konkret schlägt der Medizinische Dienst vor, die Pflegebegutachtung zu einer "präventiven Impulsberatung" weiterzuentwickeln. Die Gutachter sollten frühzeitig auf Möglichkeiten hinweisen, wie sich Pflegebedürftigkeit vermeiden oder zumindest verzögern lässt. Dazu gehören Empfehlungen zu Heilmitteln wie Physio- oder Ergotherapie, aber auch Hinweise auf Wohnraumanpassungen, Hilfsmittel oder Unterstützungsangebote für Angehörige.

Die aktuellen Zahlen zeigen, wie groß dieses Potenzial sein könnte: Bei knapp 60 Prozent der Erstbegutachtungen empfahl der MD Heilmittel, in mehr als 43 Prozent Mobilitäts- oder Alltagshilfen. Gleichzeitig scheitert die Umsetzung häufig an komplizierten Zuständigkeiten, fehlender Koordination und überlasteten Angehörigen.

Angehörige tragen weiterhin die Hauptlast der Pflege

Besonders relevant ist diese Entwicklung, weil der Großteil der Pflege weiterhin im häuslichen Umfeld stattfindet. Fast 60 Prozent der Pflegebedürftigen setzen ausschließlich auf Pflegegeld und werden ohne professionelle Unterstützung durch Angehörige versorgt. Ambulante Sachleistungen oder stationäre Versorgung spielen im Verhältnis weiterhin eine deutlich kleinere Rolle.

Auch die steigende Zahl pflegebedürftiger Kinder und Jugendlicher beeinflusst die Statistik zunehmend. Die Zahl der Begutachtungen in dieser Altersgruppe hat sich seit 2015 fast vervierfacht. Hauptursachen sind unter anderem ADHS und Entwicklungsstörungen. Im Gesamtsystem bleibt ihr Anteil jedoch vergleichsweise klein.

Der MD fordert deshalb nicht nur mehr Prävention, sondern auch eine bessere Vernetzung aller Beteiligten, von Pflegekassen über Beratungsstellen bis hin zu Leistungserbringern. Zudem spricht sich die Organisation für einen stärkeren Einsatz digitaler Verfahren wie Videobegutachtungen aus. Gerade Angehörige könnten dadurch leichter eingebunden werden. Noch fehlt dafür allerdings vielerorts die technische Infrastruktur.

Pascal Brückmann

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