Immobilienexperten warnen vor Stillstand bei Pflegebauten
Der "Rat der Immobilienweisen" diagnostiziert in seinem aktuellen Frühjahrsgutachten 2026 Stagnation bei Pflegeimmobilien. Das liege vor allem an der komplexen Regulierung und den Investitionshemmnissen, so der Pflegeexperte Jan Grabow, einer der sechs Weisen, die bei der Übergabe des Gutachtens an die Parlamentarische Staatssekretärin Sabine Poschmann im Bundesbauministerium dabei waren. Der Partner des Wirtschaftsprüfers Curacon machte aber deutlich, dass es künftig weniger um klassische Pflegeheime gehe.
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Der Bedarf ist groß, doch Investoren sind zurückhaltend, wenn es um Pflegeimmobilien geht
Grabow beschreibt eine Branche im Investitionsstau. Die Zahl der Pflegebedürftigen steige sprunghaft, ebenso die Eigenanteile. Doch die Bautätigkeit bleibe hinter dem Bedarf zurück. "Die Pflegeinfrastruktur steht unter einem doppelten Druck: steigende Bedarfe und Kosten einerseits, komplexe Regulierung und Investitionshemmnisse andererseits", sagte Grabow bei der Vorstellung. Hohe Regulierungsdichte, enge Haushalte, Fachkräftemangel und Hürden für privates Kapital erschwerten neue Projekte.
Das Gutachten verweist darauf, dass klassische Heimplätze regional stagnieren oder sogar zurückgehen. "Es wird auch zukünftig keine Renaissance der stationären Pflege geben, wenn diese nicht mehr bezahlbar ist und das notwendige Personal fehlt", sagt Grabow. Wachstum finde vielmehr in weniger personalintensiven Wohn- und Versorgungsformen statt. Eine Curacon-Auswertung auf Basis der Daten von Pflegemarkt weist für 2024 rund 7.795 Standorte des Betreuten Wohnens mit etwa 400.000 Wohnungen aus. Seit 2018 sei die Zahl der Standorte um 35 Prozent gestiegen. Offizielle Pflegestatistiken führen diese Wohnform allerdings nicht gesondert.
Grabow: Betreiber sollten stärker kooperieren
Grabow empfiehlt flexiblere Baustandards, harmonisierte Regulierung und verlässliche Förderprogramme. Investitionen müssten rechtssicher refinanzierbar sein – auch bei Klimaschutzmaßnahmen. Betreiber sollten strategisch ihre Portfolios ausrichten und stärker kooperieren.
Rückhalt bekommt diese Linie von der Ruhrgebietskonferenz Pflege und dem "Netzwerk Zukunft Pflege NRW". Beide Zusammenschlüsse vertreten Pflegearbeitgeber in Nordrhein-Westfalen. Sie reagieren auf politische Forderungen nach einem massiven Ausbau stationärer Plätze mit deutlicher Kritik. "Ambulant vor stationär ist kein ideologisches Schlagwort, sondern der ausdrückliche Wunsch der Betroffenen", sagt Christian Schultz, Geschäftsführer der Diakonie Stiftung Salem. Die stationäre Pflege sei die teuerste Versorgungsform und besonders personalintensiv.
Arbeitgeber-Netzwerk aus NRW ist gegen Ausbau stationärer Plätze
Helmut Wallrafen von der Sozial-Holding Mönchengladbach warnt, zusätzliche Heime würden Fachkräfte binden, die an anderer Stelle fehlten. Christian Westermann vom ambulanten Pflegedienst Engel von der Ruhr kritisiert, ein Ausbau stationärer Plätze sei "kein Signal der Hoffnung", solange niemand sage, woher das Personal kommen solle. Statt neuer Heime fordern die Arbeitgeber integrierte Versorgungsmodelle, quartiersnahe Konzepte und flexiblere Budgets.
Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP), dessen Mitglieder private Träger sind, setzt einen anderen Schwerpunkt. Präsident Thomas Greiner verweist auf aktuelle Marktdaten: 2025 seien 101 Heime eröffnet und 101 geschlossen worden. Netto sei kein zusätzliches Pflegeheim entstanden. Lediglich 681 Plätze seien hinzugekommen.
Arbeitgeberverband Pflege setzt auf klassische stationäre Pflege
Für Greiner ist das "ein Desaster". Pflegebedürftige fänden keinen Platz, Angehörige gerieten an Belastungsgrenzen. Die Politik müsse Investitionen erleichtern und Bürokratie abbauen. Von alternativen Wohnformen ist in der Stellungnahme nicht die Rede. Der Fokus scheint auf zusätzlichen stationären Kapazitäten zu liegen.
Auffällig ist, dass sich die Debatte nicht allein an das Bundesgesundheitsministerium richtet. Mit dem Gutachten der Immobilienweisen wird das Bauministerium direkt adressiert – ein Ressort, das in dieser Form erst seit 2021 eigenständig besteht.
Grabow versteht das als bewusstes Signal. Pflege sei längst auch eine Frage von Bau-, Förder- und Investitionspolitik. "Nur durch reformierte Rahmenbedingungen, den Ausbau alternativer Wohn- und Versorgungsformen sowie rechtssicher refinanzierbare Investitionen können Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Investitionsfähigkeit dauerhaft gesichert werden."
Kirsten Gaede