Hera will in der ambulanten Pflege um das Dreifache wachsen
Hera steht im Pflegedienst-Ranking des Datendienstleisters Pflegemarkt auf Platz zwölf. Möglicherweise rückt das Unternehmen aus Leipzig bald auf eine Spitzenposition. Denn in den nächsten drei Jahren will der Pflegeanbieter um das Dreifache wachsen. Im Gespräch mit Care vor9 erklärt Andreas Mildner (Foto), Gründer und geschäftsführender Gesellschafter, wie das gelingen kann. Ein wesentlicher Grund: Hera trifft mit seinem Angebot, solide ambulante Dienste aufzukaufen, auf immer offenere Ohren.
Hera Residenzen
Insolvente Pflegedienste übernimmt Hera nicht, sagt Andreas Mildner: "Da haben sich schon manche Käufer das Genick gebrochen"
Für viele kleine Pflegedienste wird der Alltag immer anstrengender: zermürbende Auseinandersetzungen über Leistungen und Minuten mit den Pflegekassen, zunehmende Anforderungen an Abrechnungen und Dokumentation und nicht zuletzt leidige Kämpfe mit Sozialämtern. Das alles ist, so der Tenor in der Branche, fast nur noch mit ausgefeilter Digitalisierung und betriebswirtschaftlicher Kenntnis zu bewältigen. Doch die dafür nötigen Investitionen überfordern kleine Anbieter. Hier kommt der Pflegeanbieter Hera ins Spiel: Er wendet sich an Betreiber ambulanter Dienste, die einen Käufer suchen. Betreiber, die sich aus Altersgründen zurückziehen oder unter dem Dach von Hera gern noch Teil ihres Betriebs bleiben. Beides ist möglich.
Geschäftsführer Mildner hat Hera 2019 zusammen mit sechs weiteren Gesellschaftern gegründet. Bis 2022 haben sie 27 Pflegedienste übernommen. "Dann folgte eine Phase des langsamen Wachstums, um die ganzen Pflegedienste gut zu integrieren", sagt der 40-Jährige. "Jetzt können wir mit einer soliden Gruppenstruktur weitermachen: An allen Standorten gibt es die gleiche Pflegesoftware, einheitliche Prozesse und Strukturen. Wir haben etwa ein zentrales Qualitätsmanagement und eine interne Buchhaltung." 22 Mitarbeiter sitzen inzwischen in der Zentrale.
"Wir haben uns Spielraum für weitere Zukäufe geschaffen"
Nun können weitere Übernahmen hinzukommen. "Ende vergangenen Jahres haben wir unsere Finanzierung zum Jahresende neu geordnet, Schulden konsolidiert und uns Spielraum für weitere Zukäufe geschaffen", so Mildner. Gleich zu Jahresbeginn hat die Hera Residenzen Gruppe, wie das Unternehmen mit vollem Namen heißt, ernst gemacht und die "Pflege mit Herz" aus Thüringen übernommen. Damit ist das Leipziger Unternehmen um eine häusliche Krankenpflege, zwei Tagespflegen, mehrere Wohngemeinschaften sowie einen Fahrdienst gewachsen. Auch zwei Pflegeheime zählen zum Paket, doch sie sind eher Beifang, einen Einstieg ins stationäre Geschäft plant Hera nicht.
Wachsen möchten die Leipziger dort, wo sie bereits präsent sind, in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Nordhessen, Hamburg und Berlin. Es soll schnell gehen: Innerhalb der nächsten drei Jahre möchten die Gesellschafter den Umsatz von heute rund 50 Millionen Euro verdreifachen. Diesen ambitionierten Plan äußert Mildner aber nur auf die journalistische Standardfrage "Wo sehen Sie ich in drei Jahren?" Der geschäftsführende Gesellschafter ist zurückhaltend, er betont immer wieder, dass Hera eine inhabergeführte Unternehmensgruppe sei und kein Private-Equity-Unternehmen.
Zu den Gesellschaftern zählen zwei ehemalige KPMG- und EY-Wirtschaftsprüfer
"Alle Gesellschafter bringen sich mit ihrer Expertise ein", sagt Mildner. "Es ist zum Beispiel ein ehemaliger Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young dabei und ein ehemaliger Partner der internationalen Anwaltskanzlei Clifford Chance. Ein weiterer Gesellschafter hat bereits in Großbritannien ein Pflegeunternehmen aufgebaut."
Mildner selbst hat neun Jahre in der Immobilienfinanzierung gearbeitet und sich zuletzt mit der Finanzierung von Flugzeugen beschäftigt. Sein Sparringspartner in der Geschäftsführung, der Chief Financial Officer (CFO) Henning Hanauer war 15 Jahre beim Wirtschaftsprüfer KPMG tätig, wo er auch Börsengänge begleitet hat. Seit kurzem gibt es in der Geschäftsführung auch einen Mann mit Pflegeexpertise: Tobias Radtke, examinierter Krankenpfleger, der mehrere Jahre in der ambulanten Pflege gearbeitet hat.
Hera übernimmt prinzipiell keine insolventen Pflegedienste
So erfahren Mildner und Hanauer in Sachen Akquisition auch sein mögen: Ihnen ist klar, dass ihre Verhandlungspartner das nicht sind. "Die Eigentümer machen so etwas meistens nur einmal im Leben. Die muss man wirklich unterstützen in diesem Prozess, das dauert auch seine Zeit", so der Hera-Chef. Nicht zuletzt geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Da hilft es sicherlich, dass Mildner eine gewisse Bodenständigkeit mitbringt, denn er ist im sächsischen Wurzen, im Wirkkreis von Hera aufgewachsen.
Überzeugen kann sicherlich auch, dass die Holding den einzelnen Pflegediensten ihren Namen lässt. "Die heißen alle noch Herbstsonne Pflegedienst, Schiller Pflege oder wie in Hamburg Pro Vital. Nur im Logo taucht ein kleiner Hera-Schriftzug auf, damit man sieht, dass sie Teil der Gruppe sind", sagt Mildner.
Noch wenden sich vor allem Pflegedienste an Hera, die aus Altersgründen eine Nachfolgeregelung suchen. Aber es kommen in den nächsten Jahren sicherlich immer mehr hinzu, die sich ein stabiles Dach für ihr Unternehmen wünschen. Sie alle sind willkommen. Wie aber sieht es mit insolventen Anwärtern aus? "Wir suchen nach Pflegediensten, die per se gut aufgestellt sind, die bisher also profitabel gewirtschaftet haben – deren Arbeit man gut fortsetzen kann", sagt Mildner. "Bei insolventen Pflegediensten gibt es immer ein Problem: entweder mit dem Personal oder mit den Strukturen. Da haben sich schon manche Käufer das Genick gebrochen."
Kirsten Gaede