Persönlich gesehen – 12 Fragen an Christine Vogler
Care vor9 berichtet täglich über Zahlen, Fakten, Probleme und Lösungen für die Pflege. Doch in unserer neuen Freitagskolumne "Persönlich gesehen – Fragen an..." interessieren uns vor allem die Menschen, die diese Branche prägen. Mit einem Fragebogen stellen wir sie Ihnen, liebe Leser, vor – jenseits von Titeln und Funktionen. Keine Fachfragen, sondern spontane Einblicke in ihren Werdegang, ihre Haltung und was sie antreibt. Den Auftakt macht Christine Vogler (Foto), Präsidentin des Deutschen Pflegerats.
Christine Vogler
Christine Vogler beantwortet zwölf Fragen – "persönlich gesehen"
Was war Ihr Traumberuf als Kind?
Krankenschwester – nachdem ich das Buch "Susanne Barden" von Helen D. Boylston gelesen hatte. Da war ich elf Jahre alt. In der Buchreihe geht es um eine junge Frau, die Krankenschwester wird. Als Leserin begleitet man sie vom Start in der Ausbildung über die ersten Berufsjahre in verschiedenen Einsatzfeldern bis hin zu Beziehung/Familie und der Frage, wie sie Unabhängigkeit, Berufsethos und Privatleben zusammenbringt. Rückblickend ist dieses Buch aus den 1950er Jahren fast ein feministisches Werk. Pflege wurde mit Freiheit und Selbstbestimmung in Zusammenhang gebracht – kann man nur staunen (-; Mich hat dieses Buch jedenfalls nachhaltig geprägt.
Wie sind Sie in die Pflege gekommen?
Nachdem mein Berufswunsch ab Lebensjahr elf klar war, habe ich mich nach dem Abitur 1989 am damals noch städtischen Krankenhaus Neukölln in Berlin beworben und einen Ausbildungsplatz bekommen. Und es war vom ersten Tag an genau das Richtige.
Was lieben Sie an Ihrem Job?
Im Team zu arbeiten, Menschen zu unterstützen, Verantwortung zu tragen. Die Kompetenz, die man braucht, um die Arbeit gut zu machen. Jeden Tag zu merken, dass das eine wirklich sinnvolle Arbeit ist.
Was nervt Sie am meisten?
Wenn Kompetenzen, die ich als Pflegeperson besitze, nicht gesehen, wertgeschätzt oder abgerufen werden. Das hat mich schon als Auszubildende genervt. Und das ist noch heute so: Es besteht eine strukturelle Verschwendung von Ressourcen bei gleichzeitiger Ignoranz einer großen und wichtigen Berufsgruppe.
Ein Jahr Auszeit – was würden Sie machen?
Brauch' ich gar nicht. Ich finde mein Leben prima. Vielleicht mal vier Wochen Urlaub, und wenn ich zurückkomme, gibt es nicht eine einzige Mail im Postkasten, weil alle automatisch gelöscht wurden. Das wäre mal ein Knaller.
Wie schalten Sie ab?
Ganz ehrlich – eigentlich gar nicht. Aber das macht auch nix. Ich verweise auf die Frage mit der Auszeit. Arbeiten und Leben sind bei mir nicht strikt getrennt. Es fließt ineinander über. Und von meinem Leben will ich nicht abschalten, ich würde dann eher etwas an meinem Leben ändern.
Ansonsten freue ich mich über wunderbare Doppelkopfrunden, Begegnungen mit Freund*innen, Familie, Menschen, Kunst in allen Varianten und Abende auf der Couch mit Gattin und mit wer sonst noch so bei uns zu Besuch ist. Unser Gästezimmer ist oft belegt.
Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich lese gerade (ohne Witz und hier nicht nur extra hingeschrieben, weil es so schön passt!) "Arbeiten" von Heike Geißler. Ein kurzer, gedanklich dichter Text darüber, was Arbeit mit uns macht – und wie sehr sie unseren Wert zu bestimmen scheint. Spannend für mich.
Welchen Film haben Sie zuletzt im Kino gesehen?
Therapie für Wikinger. Rabenschwarzer Humor – schön.
Ihr Lieblingsessen?
Ach herrje. Ganz schwer. Ich mach es andersrum – was gar nicht geht, ist fermentierter Fisch. Alles andere benenne ich hiermit zu meinem Lieblingsgericht.
Wohin geht’s im nächsten Urlaub?
Nach Österreich in ein wunderbares kleines Spa-Hotel.
Wen würden Sie gerne mal treffen und warum?
Ich hätte gerne Regine Hildebrandt getroffen, die leider schon 2001 im Alter von 60 Jahren gestorben ist. Sie kam aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR und war von 1990 bis 1999 SPD-Sozialministerin in Brandenburg. Eine tolle Politikerin, die die Menschen gesehen hat. Eine, die Politik nicht als Karriere, sondern als Dienst am Menschen verstand. Sie war laut, unbequem, warmherzig, humorvoll und absolut glaubwürdig. Soziale Gerechtigkeit war eines Ihrer großen Ziele – das geht uns gerade leider ein bisschen verloren.
Wie und wo wollen Sie alt werden?
Gerne gesund und glücklich, wenn ich auf mein Leben zurückschaue. Wo, ist mir egal – und wenn es geht, nicht einsam. Ansonsten nehme ich, was kommt und versuche, das Beste daraus zu machen.
Christine Vogler ist seit 2021 Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR), zuvor war sie vier Jahre Vize-Präsidentin. 15 Jahre lang leitete die Pflegepädagogin die Pflegeschule Berlin-Wannsee, seit 2020 ist sie Geschäftsführerin des "BBG – Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe", der von der Charité und dem kommunalen Klinikkonzern Vivantes betrieben wird. Die 56-Jährige lebt seit ihrer Kindheit in Berlin.