Warum Ulrich Zerhusen auf Klöster setzt
Mit der Neuen Humanen Pflege beteiligt sich Ulrich Zerhusen (Foto) an inhabergeführten Pflegeunternehmen – allerdings ohne den für Beteiligungsgesellschaften typischen Wachstumsdruck. Ungewöhnlich ist auch sein Interesse an Klöstern. Im Interview erklärt der 42-Jährige, der vielen auch als Speaker und Marketingexperte bekannt ist, warum Ordensgemeinschaften für ihn ideale Ausgangspunkte für Pflegequartiere sind und weshalb er lieber langsam mit den Richtigen wächst.
Lukas Schramm
"Mich stört diese verbreitete Vorstellung, Pflegeangebote immer nur als durchoptimierten Neubau auf die grüne Wiese zu setzen", sagt Ulrich Zerhusen
Herr Zerhusen, gemeinsam mit der Abtei St. Hildegard gründen Sie einen Pflegedienst. Wann geht es los – und was soll dort langfristig entstehen?
Der Pflegedienst befindet sich derzeit in Gründung und ist nur der erste Baustein einer langfristigen Entwicklung. Gemeinsam mit der Abtei möchten wir den besonderen Ort zu einem "Haus des Lebens" mit ambulanten Quartiersstrukturen weiterentwickeln. Welche zusätzlichen Angebote dort entstehen können, untersuchen wir derzeit im Rahmen einer Machbarkeitsstudie. Denkbar sind neben der ambulanten Pflege insbesondere unterschiedliche Wohn-, Betreuungs- und Versorgungsangebote, die sich behutsam in das bestehende Leben der Abtei einfügen.
Wie kommt eine Beteiligungsgesellschaft überhaupt auf die Idee, ausgerechnet mit einem Kloster Pflegeangebote aufzubauen?
Das Thema beschäftigt mich schon lange. Viele Ordensgemeinschaften werden kleiner und müssen sich fragen, wie sie ihre Gebäude künftig nutzen. Gleichzeitig brauchen wir in der Pflege neue Quartiersstrukturen. Für mich liegt darin eine sehr gute Verbindung. Klöster können ideale Ausgangspunkte für ambulante Quartiere sein.
Mich stört diese verbreitete Vorstellung, Pflegeangebote immer nur als durchoptimierten Neubau auf die grüne Wiese zu setzen. Klöster sind gewachsene Orte mit Geschichte und Identität. Ich möchte zeigen, dass daraus nicht nur einzelne Leuchtturmprojekte entstehen können, sondern ein Ansatz, der sich auch an anderen Orten umsetzen lässt.
Versprechen Sie sich davon auch Vorteile bei der Mitarbeitergewinnung?
Ja. Es ist etwas anderes, Menschen einzuladen, an einem Ort mit Geschichte zu arbeiten, als in einem beliebigen seelenlosen Neubau. Davon können Mitarbeitende, Ordensgemeinschaft und Pflegebedürftige profitieren.
Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich manche Menschen wieder stärker auf Spiritualität und Glauben besinnen. Für diese Menschen ist ein Arbeiten im Kloster bereichernd. Ich selbst bin gläubiger Christ und Katholik und glaube, dass wir in der Pflege nicht einfach nur Körper "versorgen", sondern Seelen berühren. Deshalb ist es mir auch persönlich ein Anliegen, dazu beizutragen, dass solche besonderen Orte lebendig bleiben und eine Zukunft haben.
Heißt das, dass Sie nun gezielt nach weiteren Klöstern und Ordensgemeinschaften suchen?
Wir sind da offen. Ich bringe inzwischen 15 Jahre Erfahrung mit und habe bereits erfolgreich klösterliche Liegenschaften transformiert und neue, zukunftsfähige Nutzungskonzepte entwickelt. Wenn es weitere Ordensgemeinschaften gibt, bei denen ich mit dieser Erfahrung und unserer pflegerischen Expertise einen Beitrag leisten kann, bin ich dafür sehr offen. Dabei geht es mir jedoch nicht um ein Konzept von der Stange, sondern immer um eine Lösung, die zur jeweiligen Gemeinschaft, ihrer Geschichte und dem besonderen Charakter des Ortes passt.
Mit dem Pflegedienst Busse in Porta Westfalica haben Sie aber auch einen klassischen inhabergeführten Pflegedienst übernommen. Wie passt das zusammen?
Das passt sehr gut zusammen, denn in beiden Fällen geht es um werteorientiertes und langfristiges Wachstum. Wir verfolgen kein klassisches Buy-and-Build-Modell, bei dem möglichst schnell wahllos weitere Standorte zugekauft werden. Wir sind unabhängig finanziert und keinem externen Investor verpflichtet, der bestimmte Wachstumsziele vorgibt. Deshalb können wir sehr bewusst auswählen. Wir bieten inhabergeführten Pflegediensten tragfähige Nachfolgelösungen an, übernehmen aber nur Unternehmen, die fachlich, menschlich und kulturell zu uns und unseren Vorstellungen von guter Pflege passen. Dabei wollen wir ihre gewachsene Identität bewahren und sie zugleich zukunftsfähig weiterentwickeln.
Die Zeit ist günstig für Übernahmen, erzählte mir neulich ein Pflegemanager, der in der Nähe von Bremen mit der Übernahme eines Dienstes in die Selbstständigkeit gestartet ist. Die Generation, die mit Gründung der Pflegeversicherung Mitte der 90er Jahre ambulante Dienste gründete, kommt jetzt allmählich ins Rentenalter.
Ja. Außerdem verändert sich das Geschäft seit einigen Jahren. Digitalisierung, KI, neue Softwarelösungen und ständig neue Anforderungen verlangen Know-how und Investitionen. Manche Unternehmer sagen mit 60 oder 65: Das möchte ich nicht mehr alles selbst einführen und umbauen.
Dazu kommt, dass viele ambulante Dienste zu klein sind, um den notwendigen Overhead allein wirtschaftlich abzubilden. Es gibt hervorragend funktionierende kleine Pflegedienste. Aber nicht jeder kann oder will noch einmal viel Geld investieren, um die nötigen Strukturen aufzubauen. Genau dort kann ein gemeinsames Dach helfen und Synergien genutzt werden. Weg vom Einzelkämpfertum, hin zu einer Bündelung von Kompetenzen unter einem gemeinsamen Dach.
Was bieten Sie diesen Unternehmen konkret?
Wir bündeln Kompetenzen und Strukturen, etwa bei Digitalisierung, IT, Qualitätsmanagement, Pflegesatzverhandlungen, rechtlichen Fragen oder Marketing. Der Inhaber kann sich dadurch wieder stärker um sein eigentliches Geschäft kümmern: Mitarbeiter, Kunden, Touren- und Dienstplanung. Viele haben ihren Pflegedienst schließlich gegründet, weil sie nah am Menschen arbeiten wollten – und nicht, um in Bürokratie zu versinken.
Wie sehen Ihre Beteiligungen aus?
Wir übernehmen mindestens 51 Prozent. Die bisherigen Inhaber können beteiligt bleiben, wenn sie wollen. Das kann sogar wirtschaftlich interessant sein: Statt 100 Prozent eines Unternehmens zu besitzen, das aufgrund seiner kleinen Struktur kaum noch eine Marge erzielt, kann eine Minderheitsbeteiligung an einem besser aufgestellten Unternehmen mehr wert sein. Gleichzeitig bleibt der Unternehmer in seinem Lebenswerk eingebunden, wenn er dies möchte.
Woran merkt eine Pflegekraft im Alltag, dass ihr Pflegedienst zur Neuen Humanen Pflege gehört? Was machen Sie anders?
Eine Pflegekraft merkt es an ganz praktischen Dingen: Die Diensthandys funktionieren, die IT ist zuverlässig, Dokumentation kann per Spracheingabe erfolgen und moderne digitale Prozesse reduzieren unnötige Bürokratie. Hinzu kommen zentrale Unterstützungsstrukturen, etwa bei Abrechnung, Qualitätsmanagement, Datenschutz oder Personalgewinnung.
Unsere Investitionen sind konsequent darauf ausgerichtet, die einzelne Pflegekraft im Arbeitsalltag zu entlasten und ihr mehr Zeit für das zu geben, worum es eigentlich geht: die Pflege und Begleitung von Menschen. Moderne Strukturen sind für uns kein Selbstzweck, sondern müssen im Alltag spürbar Ressourcen schaffen und gute Pflege erleichtern.
Wie schnell soll die Gruppe wachsen?
Wir müssen nicht schnell wachsen. Uns ist wichtiger, mit den Richtigen zu wachsen. Wenn mehrere passende Unternehmen gleichzeitig kommen, können es auch mehrere Übernahmen in kurzer Zeit sein. Entscheidend sind Haltung, Werte und eine gemeinsame Vorstellung davon, wie Pflege funktionieren soll. Wenn das nicht passt, helfen auch die besten Systeme und Strukturen nichts.
Würden Sie auch einen insolventen Pflegedienst übernehmen?
Grundsätzlich würden wir ihn uns anschauen und prüfen, warum er insolvent geworden ist. Eine Insolvenz ist nicht immer selbst verschuldet. Ein insolventes Unternehmen wäre aber nicht unsere erste Wahl.
Das Interview führte Kirsten Gaede