Jedes fünfte Pflegeheim wartet auf mehr als 100.000 Euro
Offene Forderungen werden für viele Pflegeheime zum Existenzrisiko. Laut einer Studie des internationalen Wirtschaftsprüfers Pricewaterhouse Coopers (PwC) hat jede fünfte Einrichtung Außenstände von mehr als 100.000 Euro. Hauptverursacher sind die langen Bearbeitungszeiten bei den Sozialämtern. So müssen Pflegeheime Personal- und Sachkosten oft monatelang vorfinanzieren. Manch eine Einrichtung gerät dadurch wirtschaftlich unter Druck. Das gefährde die Versorgungssicherheit, sagt PwC-Mann Michael Ey (Foto).
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Der Betrieb von Pflegeheimen sei wirtschaftlich nicht attraktiv, meint Martin Ey
Für die Untersuchung hat PwC zusammen mit seiner Strategieberatung "Strategy&" mehr als 100 Heimleitungen befragt. Das Ergebnis zeigt, wie schwerwiegend das Problem ist: Jedes fünfte Pflegeheim hat offene Forderungen von mindestens 100.000 Euro. In Zeiten knapper Liquidität können solche Summen schnell existenzbedrohend werden.
Besonders problematisch ist dabei die Rolle der Sozialämter. 55 Prozent der befragten Heimleitungen nennen sie als die Kostenträger mit den höchsten Außenständen. Als Ursachen werden fehlende Unterlagen und Nachweise (60 Prozent), unklare Zuständigkeiten sowie Wechsel von Kostenträgern (45 Prozent) genannt. Die Bearbeitung dauert häufig sechs bis zwölf Monate, in Einzelfällen sogar mehrere Jahre. Für die Einrichtungen bedeutet das eine unfreiwillige Vorfinanzierung. Während Gehälter, Mieten und Energiekosten pünktlich bezahlt werden müssen, fließen Teile der Einnahmen erst lange nach der Leistungserbringung.
Auch mit Bewohnern und Angehörigen gibt es Probleme
Pflegekassen schneiden in der Studie etwas besser ab. Nur 20 Prozent der Heimleitungen sehen dort die höchsten offenen Posten. Dennoch verursachen auch sie erheblichen Verwaltungsaufwand, etwa durch nachträgliche Anpassungen, Abrechnungskorrekturen oder Schwierigkeiten bei der Zahlungszuordnung.
Auch Bewohner und Angehörige spielen eine Rolle: 25 Prozent der Befragten nennen Selbstzahler als größte Quelle offener Forderungen. Hier entstehen die Probleme weniger durch einzelne hohe Beträge als durch viele Einzelfälle und einen hohen Kommunikationsaufwand.
Mehr als acht Stunden pro Woche, um offene Forderungen zu bearbeiten
Wie groß die Belastung inzwischen ist, zeigt eine weitere Zahl der Studie: Im Durchschnitt investieren Pflegeheime jede Woche rund 8,3 Arbeitsstunden – also mehr als einen kompletten Arbeitstag – allein für die Bearbeitung offener Forderungen. Das liege zum Teil auch daran, so vermutet PwC, dass in fast jeder zweiten Einrichtung (46 Prozent) ein strikter Standardprozess für Mahnungen und Forderungsmanagement fehlt.
PwC empfiehlt deshalb standardisierte Mahn- und Forderungsprozesse, vollständige digitale Bewohnerakten und eine Priorisierung offener Forderungen nach Höhe und Dringlichkeit. Langfristig liege der größte Hebel jedoch in der Digitalisierung von Abrechnung, Zahlungszuordnung und Finanzbuchhaltung.
"Einrichtungen können mit dem Angebot an Pflegeplätzen nicht nachkommen"
Allerdings stößt diese Empfehlung gerade bei den größten Problemverursachern, den Sozialämtern, an Grenzen. Denn bei Leistungen der Hilfe-zur-Pflege fließen die Zahlungen in der Regel nicht direkt an die Einrichtung, sondern an Bewohner oder Angehörige. Verzögerungen in den Sozialämtern lassen sich daher durch ein professionelles Forderungsmanagement der Heime kaum beeinflussen.
Fest steht für Michael Ey, Leiter der Globalen Gesundheitsdienste bei PwC Deutschland, in jedem Fall: "Es ist klar absehbar, dass die Einrichtungen mit dem Angebot an stationären Pflegeplätzen nicht nachkommen können, weil die Voraussetzungen für deren Ausbau fehlen." Der Betrieb von stationären Pflegeeinrichtungen verliere an wirtschaftlicher Attraktivität, die Zahl der insolvenzbedingten Schließungen sei stark gestiegen. "Das hat unmittelbare Folgen für die Versorgungssicherheit", so Ey.