Pflege in Deutschland hat viel Wissen, aber zu wenig Tempo
Auf dem Papier ist die Entwicklung in der Pflege beeindruckend. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, Konzepte, Expertenstandards und Reformen sollen dazu beitragen, die Versorgung zu verbessern. In der Praxis entsteht ein anderer Eindruck: Zwischen fachlicher Idee, politischer Entscheidung und Umsetzung vergehen oft viele Jahre. Woran das liegt, beschreibt Frank Schlerfer, Geschäftsführer von Careproof, dem Prüfdienst der PKV in einem Gastbeitrag.
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Besonders deutlich lässt sich dieses Spannungsfeld am Beispiel der Expertenstandards zeigen. Schon der erste vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) erarbeitete Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe hat mit seiner Veröffentlichung im Jahr 2000 die Pflege maßgeblich geprägt. Weitere Expertenstandards zu zentralen pflegerelevanten Themen folgten. Sie wurden in der Praxis zu wichtigen fachlichen Orientierungspunkten und haben wesentlich dazu beigetragen, pflegerisches Handeln zu professionalisieren.
Der mühsame Prozess der Expertenstandards
Gleichzeitig stellte sich früh die Frage nach ihrer Verbindlichkeit für Pflegeeinrichtungen. Auch die Politik griff dieses Thema auf. Vor diesem Hintergrund wurden die Entwicklung weiterer Expertenstandards und die dafür geltenden Rahmenbedingungen in der Sozialgesetzgebung § 113a SGB XI aufgenommen. Im März 2013 vergab die Selbstverwaltung den Auftrag zur Entwicklung des ersten verbindlichen Expertenstandards nach SGB XI an das DNQP. Thema war die "Erhaltung und Förderung der Mobilität".
Danach folgte ein langer Prozess: die Entwicklung des Expertenstandards, die Vorlage eines ersten Entwurfs, die Praxiserprobung, die Bezifferung der Implementierungskosten, der Versuch, die Wirksamkeit zu belegen, sowie schließlich die Anpassung beziehungsweise Aufhebung der Verbindlichkeitsregelung im Zuge des Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetzes (PUEG) im Jahr 2023. Am Ende stand kein verbindliches Instrument, sondern lediglich ein Statement der Selbstverwaltung zur freiwilligen Einführung.
Was bleibt, ist eine berechtigte Frage vieler Pflegender: Warum wird ein fachlich anerkannter Expertenstandard, der in der Rechtsprechung seit Jahrzehnten als Maßstab für fachgerechtes pflegerisches Handeln herangezogen wird, nicht auch als gesetzlich verbindliches Instrument vorgegeben?
Ist die Pflege gut gerüstet für die Zukunft?
Erfreulicherweise lässt sich die Pflege von solchen langwierigen Verfahren nicht entmutigen. Aus Sicht eines Prüfdienstes mit mehr als 40.000 durchgeführten Qualitätsprüfungen lässt sich klar sagen: Expertenstandards sind in der Praxis angekommen. Sie sind ein fester Bestandteil des Pflegeprozesses und Maßstab für fachpflegerisches Handeln.
Das Beispiel zeigt jedoch ein grundsätzliches Problem. Gute fachliche Ansätze sind vorhanden und wissenschaftliche Grundlagen liegen vor. Der Wille zur Weiterentwicklung ist ebenfalls erkennbar. Doch der Weg von der Erkenntnis in die verbindliche, flächendeckende Umsetzung ist oft zu lang, zu kompliziert und zu wenig konsequent.
Die Liste vergleichbarer Themen ließe sich fortsetzen. Doch schon die aktuellen Debatten über Pflegekammern oder Personalbemessung würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Sie zeigen aber ebenfalls: Die Pflege bewegt sich, nur häufig sehr langsam.
Allen Beteiligten und Verantwortlichen muss klar sein: Das bisherige Tempo der Weiterentwicklung wird nicht ausreichen, um die Pflege gut für die Zukunft aufzustellen. Wenn es nicht gelingt, die Ursachen dieser Verzögerungen zu beseitigen, müssen wir uns tatsächlich Sorgen machen.
Was die Weiterentwicklung der Pflege bremst
Eine ehrliche Betrachtung der Ursachen ist notwendig. Mehrere Faktoren bremsen die Weiterentwicklung der Pflege:
- Das Prinzip der Selbstverwaltung in der Pflege ist grundsätzlich erstrebenswert. In der Praxis führen jedoch zu viele Akteure, Beteiligte und konkurrierende Zuständigkeiten häufig dazu, dass Entscheidungen verzögert oder verwässert werden.
- Entscheidungsprozesse sind nicht immer vorrangig von pflegefachlichen Kriterien geprägt. Politische Interessen, föderale Zuständigkeiten und lobbyistische Einflussfaktoren können den Blick auf das fachlich Notwendige verstellen.
- Hohe regulatorische Anforderungen und umfangreiche formale Abstimmungsprozesse nehmen vielen Veränderungen die notwendige Dynamik.
- Unzureichende finanzielle und personelle Ressourcen schränken die Realisierbarkeit von Veränderungen erheblich ein.
Vorhandenes Wissen umsetzen, statt immer neue Ideen entwickeln
Der Weg zum Erfolg besteht deshalb nicht nur darin, immer neue Konzepte, Standards und Reformen zu entwickeln. Mindestens ebenso wichtig ist es, dafür zu sorgen, dass vorhandene Erkenntnisse schneller, verbindlicher und praxistauglicher umgesetzt werden können.
Pflege verfügt heute über mehr Wissen, mehr wissenschaftliche Grundlagen und mehr fachliche Orientierung als je zuvor. Die eigentliche Herausforderung besteht häufig nicht darin, neue Ideen zu finden. Sie besteht darin, gute und bereits vorhandene Erkenntnisse konsequent in die Praxis zu bringen.
Denn Fortschritt entsteht nicht erst durch neue Reformen. Fortschritt entsteht dann, wenn gute Ideen tatsächlich bei den Menschen ankommen, für die sie gedacht sind: bei den Pflegebedürftigen, ihren Angehörigen und den Pflegenden, die jeden Tag Verantwortung übernehmen.
Autor Frank Schlerfer ist Geschäftsführer von Careproof, dem Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung (PKV). Die Organisation führt bundesweit Qualitätsprüfungen in Pflegeeinrichtungen durch und unterstützt sie mit ihrem Seminarangebot bei der Verbesserung ihrer Pflegequalität. Mit rund 160 Qualitätsprüfern gehört Careproof zu den größten Prüfdiensten Deutschlands.