Kritik an Melk-Vorwurf gegen Betreute-Wohnen-Anbieter
Die scharfe Kritik des Bremer Pflegeökonomen Heinz Rothgang am betreuten Wohnen ruft in der Altenpflegebranche Widerspruch hervor. Die Ruhrgebietskonferenz Pflege weist den Vorwurf zurück, Anbieter würden die Sozialversicherungen "melken". Kern des Problems sei, dass es keine grundlegende Strukturreform der Pflegeversicherung gebe, so das Trägerbündnis. Auch Jan Grabow, Partner des Wirtschaftsprüfers Curacon, spricht von einem "ganz normalen Wahnsinn" widersprüchlicher Anreize.
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Der Melk-Vorwurf ist unfair, wenn Marktakteure schlicht nur die Anreize nutzen, die der Gesetzgeber gesetzt hat, meint die Ruhrgebietskonferenz
Die Ruhrgebietskonferenz Pflege hält Rothgangs Vorwurf für verkürzt. Es sei richtig, strukturelle Fehlanreize offen zu benennen. Einzelne Versorgungsformen pauschal als "Melkmodell" zu diskreditieren, greife jedoch zu kurz. Anbieter bewegten sich innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Wenn sie Leistungen kombinierten, nutzten sie Möglichkeiten, die der Gesetzgeber ausdrücklich geschaffen habe.
Die sogenannten Stapelleistungseffekte – also die Kombination aus ambulanten Sachleistungen, Tagespflege und häuslicher Krankenpflege – seien "legal, aber nicht so gedacht", habe Rothgang selbst formuliert. Genau darin liege das Problem, so der Koordinator des Bündnisses, Roland Weigel: nicht im Verhalten einzelner Anbieter, sondern in der Konstruktion des Systems.
Eine "hausgemachte Überkomplexität"
Die Initiative spricht von einer "hausgemachten Überkomplexität". Seit Einführung der Pflegeversicherung sei das System immer weiter ausdifferenziert worden, es seien, metaphorisch gesprochen, immer mehr Balkone hinzugekommen. Ambulante und stationäre Versorgung folgten unterschiedlichen Logiken, Vergütungsregeln setzten divergierende Anreize. Wenn ambulante Kombinationen höher vergütet würden als stationäre Bündelversorgung, reagiere der Markt rational.
Statt jetzt einzelne "Balkone" aus Kostengründen zu sperren, brauche es eine grundlegende Reform. Die Ruhrgebietskonferenz plädiert für einheitlich definierte Pflegeleistungen, vergleichbare Qualitätsindikatoren und eine Neuordnung der Finanzierung – unabhängig vom Wohnort der Pflegebedürftigen.
Unterstützung erhält das regionale Trägerbündnis indirekt von Jan Grabow, Partner bei Curacon. Auf Linkedin vergleicht er die Debatte mit Steuerabschreibungen: Wenn der Gesetzgeber Anreize setze, dürfe man deren Nutzung nicht moralisch skandalisieren. Er spricht von einem "ganz normalen Wahnsinn" widersprüchlicher politischer Vorgaben – von verbesserten Personalschlüsseln trotz Fachkräftemangels bis zu Klimazielen ohne ausreichende Finanzierung.