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4. März 2026 | 07:00 Uhr
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"Mit Prävention ließen sich Milliarden in der Pflege sparen"

Prävention ist mehr als ein "Nice-to-have", sagt Thomas Eisenreich Foto), Chef von Deutschlands größtem Pflege- und Betreuungsdienst Home Instead. Der Anbieter hat an einigen Standorten ein digital unterstütztes Präventionsprogramm eingeführt. Erste Modellrechnungen zeigen: Würden 30 Prozent der ambulant betreuten Menschen mit Pflegegrad 2 teilnehmen, ließen sich über 800 Millionen Euro jährlich einsparen.

Thomas Eisenreich Spezielle Präventionsprogramme erhöhen bei einem Großteil der Menschen mit Pflegegrad 2 die Selbstständigkeit

"Es ist also leicht vorstellbar, dass eine intensive Ausweitung der Präventionsangebote für weitere Pflegegrade und Settings Milliarden sparen könnte", sagt Eisenreich. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Zukunftspakt Pflege" habe Prävention bereits als zentrales Element identifiziert, um Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden. Dennoch unterschätzten viele Anbieter die Wirkung. "Dabei ist sie die zentrale Stellschraube für die Zukunftsfähigkeit unseres Systems."

Home Instead setzt für sein aufsuchendes Präventionstrainings das Programm Digicare, das in Dänemark bereits in 50 von 98 Kommunen läuft. Dort reduzierte das Training den Hilfebedarf um 21 Prozent. Je Teilnehmer gewannen die Dienste zwischen 78 und 93 Stunden pro Jahr. Das entlastet Personalressourcen – ein relevanter Faktor angesichts des Fachkräftemangels.

Mit Digicare verbessert sich bei fast allen Pflegebedürftigen die Mobilität   

Auch Eisenreich hat die Arbeit mit Digicare getestet, mit 35 Teilnehmern am Standort Halle-Saale. Wie bereits an mehreren Home-Instead-Standorten üblich, haben die Pflegefachkräfte die teilnehmenden Klienten zunächst ein digitales Screening durchlaufen lassen, anschließend entwarfen sie individuelle Trainingspläne. Betreuungskräfte begleiteten die Übungen vor Ort und motivierten, regelmäßig am Training teilzunehmen. 

Die Evaluation der Hochschule 21 aus Buxtehude am Standort Halle-Saale zeigt: 

  • 87 Prozent der Teilnehmer steigerten ihre körperliche Leistungsfähigkeit.
  • 91 Prozent verbesserten oder stabilisierten ihre Mobilität.
  • 82 Prozent erhielten oder erhöhten ihre Selbstständigkeit.
  • Der individuelle Hilfebedarf sank im Schnitt um 42 Prozent.

Rund 90 Prozent haben an dem Training auch über den Beobachtungszeitraum von sechs Monaten festgehalten. Auch die Akzeptanz ist hoch: Alle beteiligten Mitarbeiter bewerten das Angebot als sinnvoll, die Mehrheit der Betreuungskräfte kommt gut mit der App zurecht.

"Beratung allein reicht nicht, wir brauchen konkrete, wirksame Angebote"

Eisenreich stellt für Deutschland auf Basis der Ergebnisse in Halle-Saale eine Hochrechnung auf: Rund 1,1 Millionen Menschen werden ambulant versorgt, gut 41 Prozent davon mit Pflegegrad 2. Wenn nur 10 Prozent dieser Gruppe – etwa 45.400 Personen – durch ein Training den Wechsel in Pflegegrad 3 um ein Jahr verzögern, spart die Pflegeversicherung pro Person rechnerisch rund 6.000 Euro nach Abzug der Trainingskosten. In Summe wären das mehr als 270 Millionen Euro. Über zwei Jahre gerechnet ergäbe sich bei gleicher Teilnahmequote ein Einsparpotenzial von über 540 Millionen Euro. Steigt die Beteiligung auf 30 Prozent, läge das Volumen bei mehr als einer Milliarde Euro.

Für Eisenreich steht fest: "Beratung allein reicht nicht. Wir brauchen konkrete, wirksame Angebote." Prävention koste Geld, verhindere aber deutlich höhere Ausgaben. Für die Pflegeversicherung könne sie zu einem wirtschaftlichen Hebel werden – und für Pflegebedürftige zu einem Gewinn an Selbstständigkeit und Lebensqualität.

Kirsten Gaede

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