"Pflegeanbieter sind zu Bittstellern der Kassen geworden"
Klagen über die Zahlungsmoral der Pflege- und Krankenkassen sind 2025 abgeebbt. Die Kritik richtet sich jetzt vor allem gegen die Sozialämter. Doch geschmeidig läuft es mit den Kassen deshalb nicht lange nicht, meinen Isabell Halletz (Foto) vom Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) und Thomas Knieling vom Trägerverband VDAB.
AGVP
Im Saarland und in Rheinland-Pfalz seien die Pflegekassen zuverlässiger als in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, sagt Isabell Halletz
"Die Verhandlungen laufen jetzt definitiv besser. Da haben die Pflegekassen nachgearbeitet", sagte André Schaefer von Christie & Co Ende Mai gegenüber Care vor9. Das Trendbarometer der Sozialbank vom Frühjahr ließ ebenfalls aufatmen: Immerhin berichtete ein Drittel der Befragten von zufriedenstellenden Verhandlungen mit den Kassen. Doch auch die Sozialbank gibt zu bedenken: Die Situation sei trotzdem noch nicht ideal: Die Vergütungszuwächse würden den tatsächlichen Kostenentwicklungen häufig hinterherhinken.
Die Situation sei noch nicht ideal? AGVP-Geschäftsführerin Halletz drückt es weniger beschwichtigend aus: "Aus meiner Sicht ist schlichtweg die Partnerschaft auf Augenhöhe komplett verloren gegangen. Die Pflegeunternehmen sind zu Bittstellern geworden, die trotz der strengen gesetzlichen Vorgaben pflegerische Versorgung sicherstellen und dann noch um die Begleichung ihrer Rechnungen kämpfen müssen."
Kleinen Pflegediensten fehlt die Energie für Nachforderungen
Die "Wirtschaftswoche" (Abo) hat diesen Kampf vor einigen Wochen anschaulich beschrieben: Das Magazin hat mit diversen Pflegediensten gesprochen und sich die zermürbenden Auseinandersetzungen über Leistungen und Minuten schildern lassen. Es lässt Inhaber kleiner Dienste zu Worte kommen, denen die Zeit und Energie fehlt für das Klein-Klein, und die deshalb am Ende lieber auf die eine oder andere Nachforderung verzichten. Das Magazin trug die Beschwerden den Kassen vor, biss aber nach eigenen Aussagen auf Granit.
Immerhin: Das Zahlungsverhalten der Pflegekassen habe sich im vergangenen Jahr teilweise stabilisiert, sagt der Geschäftsführer vom Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe (VDAB), Thomas Knieling. "Aber von einer durchgängig verlässlichen Zahlungsmoral kann weiterhin nicht gesprochen werden. Verzögerungen infolge von Prüf- und Nachforderungsprozessen führen nach wie vor zu späten Auszahlungen." Auch Halletz spricht von einer leichten Verbesserung. Bei einzelnen Mitgliedsunternehmen würden die Zahlungen, die nun endlich fließen. Aber eben nur bei Einzelnen und "nur nachdem monatelang – teilweise sogar mehr als ein Jahr – mit den Pflegekassen diskutiert wurde".
Im Saarland und in Rheinland-Pfalz haben die Kassen eine bessere Zahlungsmoral
Es komme allerdings auch darauf an, welche Pflegekasse die Vergütungsverhandlungen führe und in welchem Bundesland das Pflegeunternehmen sitze, sagt die AGVP-Geschäftsführerin. "Es gibt Bundesländer wie das Saarland und Rheinland-Pfalz, in denen klappt es mittlerweile sehr gut. Und dann gibt es Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, in denen die Pflegeunternehmen oft nicht den gesamten Betrag der angefallenen Kosten erstattet bekommen und zudem noch viele Monate auf die Zahlungen warten müssen. Oft helfen dann nur die Beschwerden oder auch die Kommunikation über Anwälte."
Und wer die Energie für Beschwerden und das Einschalten eines Anwalts nicht hat – wie die vielen kleinen Pflegedienste? Die neigen immer häufiger dazu aufzugeben, so der Tenor in der Wirtschaftswoche. Dass es sich hier nicht um gewohnheitsmäßiges Klagen handelt, legt die aktuelle Auswertung des Datendienstleisters Pflegemarkt nahe: Demnach gibt bei den Pflegediensten eine ausgeprägtere Konsolidierung als bei den Pflegeheimen: Der Marktanteil der 15 größten Pflegedienstbetreiber ist innerhalb eines Jahres um über einen Prozentpunkt von 4,2 auf 5,4 Prozent gestiegen. Von einem Pflegedienststerben kann aber keine Rede sein, denn 2025 sind 662 neue Dienste hinzugekommen, sehr viel weniger (383) haben geschlossen.